Begegnungen der besonderen Art

War ich am Ende doch einfach nur ein Wanderer?

Die Vorfreude auf die erste Rast erhält gleich am Morgen einen kräftigen Dämpfer. Das Wetter spielt nicht mit. Der Tag beginnt in Fromista mit Regen, der hartnäckig bleibt und die Pilger bis zum Ende der Etappe begleiten wird. Noch sitzen alle betreten beim Frühstück. Die heiße Tasse café con leche kann die Stimmung nicht wirklich aufheitern. Die ersten Mutigen laufen bei heftigem Regen los. Ich warte lieber etwas ab und sichere erst in aller Ruhe die Ausrüstung gegen Wasser. Viertel nach sechs bin ich dann auch so weit. Es ist ja noch früh genug. Vorher jedoch habe ich noch eine Begegnung der besonderen Art.
Eine Österreicherin, durchaus ansehnlich, um die Vierzig etwa, spricht mich kurz vorm Losgehen an. Gestern schon war sie mir aufgefallen, nicht allein ihres üppigen Vorbaus wegen, sondern weil sie laut und energisch in einer Gruppe diskutierender Pilger kundtat:
„Ich mag keine Besserwisser!“
Ich hörte den Satz nur zufällig. Zum Glück konnte ich nicht damit gemeint sein, denn bislang hatte ich in ihrer Gegenwart noch keinerlei Meinung geäußert. Es gab also null Berührungspunkte zwischen der energischen Lady und mir. Wäre es doch so geblieben! Jetzt steht sie zufällig neben mir in dem engen, kleinen Vorraum und bereitet sich wie ich auf die Regenetappe vor. Sie schaut mich lächelnd und irgendwie mit so einem allwissenden und beseelten Ausdruck im Gesicht an und sagt:
„Dann müssen wir heute halt ganz viel beten, dann hört der Regen bestimmt auf!“
„Oh“, antworte ich trotz des Regens gut gelaunt, „ich habe sonst auch nicht gebetet, und irgendwann hat der Regen noch immer aufgehört.“
„Ja, ja“, meint sie schon mit leichter, ablehnender Ungeduld in der Stimme, „aber Beten ist halt wichtig auf dem Weg.“
„Vielleicht nicht grundsätzlich für jeden“, formuliere ich bewusst vorsichtig, weil ich den nahenden Konflikt schon erahne, „man kann den Weg doch ebenso gehen, ohne immerzu zu beten oder überhaupt religiös zu sein.“
„Ja, ja, aber das sind dann keine Pilger“, powert die Dame hörbar erbost über meine ständigen Widerworte.
„Was denn dann?“ frage ich dummerweise noch und ahne doch die Antwort schon.
„Ja, das sind halt nur Wanderer!“

Es kommt, wie es kommen soll ...

Ich bin ins Mark getroffen, sage nichts mehr, lasse der resoluten Dame den Vortritt und beginne meinen achtunddreißigsten Wandertag. Ich laufe stadtauswärts rechterhand an der imposanten romanischen Kirche von Fromista vorbei und denke so vor mich hin:
„Alles umsonst! Umsonst die Mühen der Vorbereitung, umsonst die bisher erlittenen Strapazen und Schmerzen und die, die noch kommen auch, umsonst das Grübeln über Sinn und Zweck! Jetzt erfahre ich es aus erster Hand, aus dem Munde einer wahrscheinlich sehr religiösen Pilgerin: Ich bin halt einfach nur ein Wanderer ...“
Da höre ich hinter mir ein bekanntes Stimmchen:
„Hallo, hallo, ich glaube, ich habe mich gerade ein wenig verlaufen! Wo ist denn der richtige Weg?“
„Ach“, sage ich und kann es mir nicht verkneifen, „da wollte der Herr vielleicht ein kleines Zeichen senden?“
„Wieso, warum?“ fragt sie erstaunt, und ich kann auch diese Antwort nicht mehr zurückhalten, obwohl ich das im Augenblick schon bedauere:
„Wegen Ihrer etwas selbstgerechten Sicht, denn sehen Sie: Wenn es den Herrn da oben wirklich gibt, wie Sie das ja glauben, dann wird bestimmt der liebe Herr allein darüber entscheiden, wer ein wahrer Pilger ist und wer nicht. Oder sehe ich das falsch?“
Das ist zu starker Tobak für die Österreicherin; sie antwortet nichts, stiefelt davon, und ihre Körperhaltung und ihr Schritt sind irgendwie trotzig. Schade, ich hatte richtig Lust auf ein längeres Streitgespräch mit ihr. Sie war doch eigentlich ganz nett und sah ja außerdem nicht übel aus.

Versöhnlicher Abschied

Anderthalb Tage später werde ich erneut auf sie treffen. Sie sitzt dann mit einer Begleiterin in einer Bushaltestelle an der Strecke und lächelt mich immerhin wieder an. Sie ist also nicht nachtragend. 
„Na, schon müde?“ frage ich versöhnlich, und sie antwortet etwas kleinlaut, aber ehrlich:
„Nein, meine Füße schmerzen. Ich kann nicht mehr gut laufen. Ich werde wohl einige Strecken mit dem Autobus fahren müssen.“
Die ganze Forschheit von neulich ist wie weggeblasen. In diesem Augenblick ist sie einfach eine nette, hübsche Frau, die vom schweren Weg gezeichnet ist. Keinerlei Grund für irgendwelchen Triumph. Ganz im Gegenteil! Ich verschlucke förmlich eine Bemerkung, die mir schon ganz vorne auf der Zunge lag: Ich bringe es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass sie nun ja keine richtige Pilgerin mehr ist, sondern einfach nur eine Mitfahrerin in einem Autobus ...
 

 

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