Das unbeschreibliche Flair der Städte am Ebro

Der Weinort Tudela, die Storchenhauptstadt Alfaro und der Bischofssitz Calahorra

Als ich auf dem Camino del Ebro pilgerte, war es Ende Mai, Anfang Juni. Ich wusste über diesen Weg, dass er in Amposta (Deltebre, Sant Carlos de la Rapida) begann und über Tortosa, Escatron, Zaragoza nach Logroño führt in der Art eines Zubringers für den Französischen Weg. Der Heilige Jakob selbst soll den Weg der Legende nach gepilgert sein. Nun, dass ich ihm nicht begegnen würde, ahnte ich schon bei meinem Aufbruch, dass ich aber ungefähr dreihundert Kilometer zurücklegen musste, um überhaupt einem einzigen anderen Pilger zu begegnen; damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet.

Der Camino del Ebro ist zum Teil identisch mit dem Naturwanderweg GR 99, der zu den großen Touren zählt und den Ebro auf seiner ganzen Länge von 1280 Kilometern von der Quelle bis zur Mündung ins Mittelmeer begleitet.. Als Pilgerweg ist er vor allem ein spanischer Weg, der bei ausländischen Pilgern nicht so bekannt ist. Das erklärt, warum ich mir so allein vorkam: Es waren noch keine Ferien in Spanien.

Ich traf, aus Richtung Castellon auf einem noch unbekannteren Weg kommend, erst im Örtchen Escatron auf diesen Pilgerpfad. Die Städte und Dörfer am Ebro haben ihr eigenes Flair. Oft wird es geprägt durch die unmittelbare Nähe zum großen Fluss. Doch ich will mich in diesem Beitrag nur einem kleinen Stück des Ebro-Weges widmen, wo auf einer relativ kurzen Strecke viel Kultur zusammengeballt scheint.

Schon weit hinter Zaragoza, nur wenige Kilometer noch von Logroño entfernt, trifft man die, wie auf einer Perlenschnur hintereinander aufgereihten, etwas größeren Städte Tudela, Alfaro und Calahorra. Kleinere Dörfer, die noch zwischen ihnen liegen, lassen wir mal völlig unberührt, obwohl der Pilger natürlich auch durch sie hindurchwandern muss.

Tudela mit dem Heiligen Herz

Über einen endlos scheinenden, steinigen Weg erreiche ich aus Richtung Ribaforada kommend, Tudela im Süden von Navarra. Tudela, gelegen in der Comarca Tudelana, ist schon eine kleine Stadt mit über 35.000 Einwohnern. Es handelt sich um eine ursprünglich islamische Gründung, deren Datum etwa im Jahre 802 festgemacht wird. Im 11. Jahrhundert findet sich eine erste urkundliche Erwähnung. Die attraktive Lage im fruchtbaren Tal des Ebros wird der Grund dafür gewesen sein, dass Menschen schon so früh hier siedelten. Über vierhundert Jahre lang lebten in Tudela Einwohner unterschiedlichster Konfession friedlich miteinander, und zwar Juden, Araber und Mozaraber, wie man damals die Christen bezeichnete, die mit Arabern gemeinsam lebten. Noch heute kann man die spezifischen Einflüsse dieser Gruppen in der Gesamtkonstruktion der Stadt ebenso wie in einzelnen Gebäuden – vor allem Kirchen und Palästen – nachempfinden. Es gibt noch immer die typisch engen maurischen Gassen mit Überbauungen und Durchgängen oder die alte Stadtmauer mit Spähtürmen zur Abwehr von Feinden.

An der alten Stadtmauer von Tudela und rechts der Marktplatz der Stadt

Die Stadt liegt auf einem Hügel. Heute thront über der Stadt auf den Resten einer Burg das Denkmal Sagrada Corazon (Heiliges Herz). In der Gegenwart hat sich Tudela als Zentrum des Weinanbaus in der Provinz Navarra herausgebildet. Es ist eine unheimlich lebendige Stadt. In der Altstadt gibt es wohl an jeder Ecke eine Bar oder ein Café oder ein Restaurant. Bis weit in die Nacht hinein herrscht lebhafter Trubel in den Straßen und Gassen.

Alfaro - Welthauptstadt der Störche

Als ich mich am nächsten Morgen schon sehr früh von Tudela verabschiede, finde ich schon wieder oder immer noch offene Bars, in denen man gut frühstücken kann. Meine Tour heute ist nicht all zu weit. Achtzehn Kilometer sind es etwa bis Alfaro, wo ich die nächste Nacht bleiben möchte. Es war eine gute Wahl. Am zentralen Platz vor der Kathedrale San Miguel, eine Stiftskirche und darüber hinaus ein Meisterwerk des Barocks, entdecke ich einen kleinen Pavillon mit der Aufschrift „Touristeninformation“. Natürlich gehe ich hin. Schon bald halte ich einen kleinen Stadtplan des knapp zehntausend Einwohner zählenden Ortes und den Schlüssel zur Pilgerherberge in den Händen. Obendrein versorgt mich die nette, junge Dame mit allen notwendigen Informationen. Ihr genügt mein Wort. Nicht einmal den Pilgerausweis, geschweige denn irgend einen anderen, will sie von mir sehen. Ich ziehe los und bin schon bald Besitzer eines Reihenhauses mit zwölf Schlafstätten für Pilger, Küche, Fernsehraum und allem, was so dazu gehört. Doch ich bin – das ändert sich auch später nicht – mutterseelenallein. Also gehe ich zum zentralen Platz der Stadt zurück, wo das charakteristische spanische Leben pulsiert, und freue mich auf ein besonderes Spektakel. Ich vergaß zu erwähnen: Ich befinde mich in der Welthauptstadt der Störche!

Es ist unglaublich, aber allein auf den Dächern der Kathedrale San Miguel brüten jeden Sommer an die 120 Storchenpaare. Der staunende Besucher muss hier nicht warten, um einen Storch zu Gesicht zu bekommen. Sie sind überall. Wenn sie nicht in ihren Nestern sitzen und lautstark klappern, dann kreisen sie in ruhigen Bögen über dem Platz. Das ist ein unvergesslicher Anblick. Es ist die wohl größte, zusammenhängende Storchenkolonie der Welt. (http://www.poelking.de/wbuch2/Alfaro/d-alfaro.htm)

Natürlich hat auch Alfaro in seiner Altstadt Hübsches und Bemerkenswertes zu bieten wie etwa die alte Abtei und den Abteipalast aus dem 18. Jahrhundert. Rings um die Stadt liegen interessante archäologische Fundstätten aus der Römerzeit und geben Aufschluss über die Jahrhunderte alte Geschichte dieser Besiedelung.

Ein statistisch zuverlässig belegter, wenn auch kurioser Nachsatz fehlt noch: Alfaro hat nachweislich die meisten Zwillingsgeburten in ganz Spanien – und zwar nicht bei den Störchen!

Calahorra - Bischofssitz in der Rioja

Ich stehe zeitig auf in der Herberge, die eine Nacht nur mir gehörte, und gebe gleich nebenan bei der Policia Local den Schlüssel ab. Dann wende ich mich zügig Richtung Rincon de Soto. Eigentlich hatte ich hier eine Frühstücksbar erhofft, aber Fehlanzeige! Da muss die Notversorgung in Form von Müsliriegeln herhalten, denn bis zu meinem Ziel Calahorra sind es noch gute dreizehn Kilometer. Der Weg verläuft ohne nennenswerte Höhenunterschiede, denn ich befinde mich ja in der Ebro-Ebene. Schon bald kann ich Calahorra - der Ort liegt auf einem Hügel über dem Cidacos-Tal – in der Ferne sehen. Er wirkt schon erstaunlich nah, doch das ist nur eine optische Täuschung. Sieben bis acht Kilometer durch die berühmte La Rioja habe ich noch zurückzulegen.

Blick auf die Stadt Calahorra und rechts die Kathedrale (alle Fotos vom Autor)

Endlich komme ich über eine Brücke am Fuße der Stadt an. Dort fällt gleich die bemerkenswerte gotische Kathedrale ins Auge. Sie soll über eine Schatzkammer verfügen. Calahorra liegt übrigens nicht direkt am Ebro, sondern am Südufer des Rio Cidaco, der dem Tal den Namen gibt und ein Stücklein weiter in den Ebro mündet.

Auch dieses Städtchen mit knapp 25.000 Einwohnern ist von seinen Ursprüngen her uralt. Die ersten Siedlungen stammen aus vorrömischer Zeit, etwa 187 vor Christus. Später siedelten die Westgoten hier und machten Calahorra zum Bischofssitz. Den Goten folgten für zwei Jahrhunderte die Mauren, bevor der christliche König Garcia III. von Navarra das Gebiet und die Stadt zurückerobern konnte. Es gibt in der Stadt weitere bemerkenswerte Kirchen und einen Bischofspalast aus dem 18. Jahrhundert. Aber das Tollste ist: Calahorra verfügt auch über eine Pilgerherberge. Schon unten, am Fuße der Stadt, machen Wegweiser darauf aufmerksam. Und die Herberge selbst ist fast „edel“ zu nennen. Das ist vielleicht weniger verwunderlich, wenn man weiß, dass der schöne Ort auch heute noch Sitz eines Bischofs ist.

Von Calahorra bis nach Logroño, wo der bekannte französische Jakobsweg verläuft, sind es nun noch achtundvierzig Kilometer ...

PS

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