Der Pilgerausweis

 

Viele Menschen, die sich erstmals mit dem Gedanken tragen, eine Pilgerreise zu unternehmen, suchen in erster Linie nach brauchbaren Informationen. Dazu gehört neben der Auswahl des „richtigen“ Weges alles, was in irgend einer Weise organisiert werden muss, damit dieses Erlebnis am Ende auch den gewünschten Erfolg hat.

In der Frageliste ganz oben steht deshalb immer wieder der von den aktiven Pilgern oft erwähnte sogenannte Pilgerpass. Er kann auch als Pilgerausweis bezeichnet werden; im spanischen Original heißt er „Credencial del Peregrino“, was übersetzt ebenfalls Ausweis oder Beglaubigung des Pilgers bedeutet.

Wo bekommt man diesen Pilgerpass, der unter anderem neben dem Namen des Pilgers auch das Ziel, die voraussichtliche Startzeit und die Fortbewegungsart – also etwa zu Fuß oder mit dem Fahrrad – enthält. Gläubige können sich natürlich ganz einfach an den zuständigen Pfarrer ihrer Gemeinde wenden, der in jedem Fall weiterhilft. Doch heutzutage gehen ja mehr als die Hälfte der Pilger nicht mehr aus ausschließlich religiösen Gründen auf eine Pilgertour. Für diese wie für jeden anderen natürlich auch ist zumeist das Internet eine erstrangige Adresse, obwohl selbstverständlich der Herr Pfarrer aus der Kirche um die Ecke auch einem „Ungläubigen“ seine Hilfe nicht versagen würde. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Gibt man also bei Google z.B. „Pilgerausweis“ ein, folgen sofort viele Einträge – meist Jakobus-Gesellschaften – mit der Aufforderung, dort den Pilgerausweis zu bestellen. Das kostet in aller Regel fünf Euro, dazu kommen 1,45 Euro Porto (ins Ausland 3,45 Euro).

Den Pilgerausweis zu bekommen dürfte also wirklich die geringste Hürde für dieses großartige Vorhaben sein, insofern man daran denkt, eine gewisse Zeit für die Bearbeitung und den Versand einzuplanen (Vorschlag: etwa zehn Tage).

Wozu ist nun dieses Wunderding von Ausweis gut? Da mögen die meisten Pilger vor allem zwei Dinge nicht missen: In erster Linie berechtigt der Pilgerausweis zum Übernachten in den einschlägigen Pilgerherbergen, und zwar gleichgültig, ob es eine kirchliche, eine staatliche oder eine private Unterkunft ist. Er berechtigt jedoch nicht nur, sondern ist geradezu erforderlich. Wenn der Pilger die erwähnten Herbergsformen benutzen möchte, checkt er ein wie in einem Hotel. Das hat rechtliche Gründe. Keine Angst, dies geht sehr formlos vor sich. An einem Tisch sitzt in der Regel der Hospitalero oder die Hospitalera (Herbergsvater, -mutter) und trägt in ein Buch jeden Ankömmling mit Namen und Ausgangspunkt ein. Dazu legt der müde Pilger seinen Pilgerausweis vor. Ohne Ausweis – keine Übernachtung.

Die zweite wichtige Funktion ist, dass jede Pilgerherberge über einen ortstypischen Stempel verfügt, der nunmehr im Pilgerausweis verewigt wird. Deshalb besteht der Pilgerpass ja auch aus mehreren gefalteten Seiten. Jede dieser Seiten kann in vorgedrucktem Raster acht Stempel aufnehmen. Diese Stempel sind kein Selbstzweck, obwohl es da eine Kategorie Pilger gibt, die nach jedem erdenklichen Stempel jagen, auch wenn sie gar nicht an diesem Ort übernachtet haben. Kneipenwirte am Weg zum Beispiel oder Sehenswürdigkeiten haben sich auf diesen Wunsch eingestellt und vergeben ebenfalls mehr oder weniger attraktive Stempel. Doch nur die Stempel der Übernachtungsorte sind wirklich wichtig, weil sie am Ende der Pilgerreise in Santiago de Compostela als Beweis für die zurückgelegte Wegstrecke dienen. Das dazu eigentlich auch nur die letzten einhundert Kilometer für Fußpilger, zweihundert für Radpilger, ausreichen würden, ist in diesem Zusammenhang sicher richtig, aber bedeutungslos.

Vorderseite eines Pilgerausweises und Rückseite mit Stempeln

Einen dritten, kleinen Nebeneffekt, der weniger bekannt ist, haben die Pilgerausweise darüber hinaus: In den größeren Städten gibt es ja in der Regel viel zu besichtigen, sofern die Zeit reicht und der körperliche Zustand es zulässt. Vor allem in den großen Kathedralen – wenn diese etwa Führungen anbieten oder Museen besitzen – kann der Pilger durch Vorzeigen seines Passes ein paar Euro sparen. Für den Erhalt eines ebenfalls überall angebotenen, besonders preisgünstigen Pilgerfrühstücks oder Pilgermenüs musste wohl dagegen noch nicht ein einziger Pilger seinen Pilgerausweis zücken. Bon camino!

PS

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