Die Dunkelheit ist nicht länger dein Feind ...

Auf dem Pilgerweg kann dein ganzes Leben an dir vorüberziehen

Als ich damals – es war Anfang Mai - über die Schwelle unserer Haustür trat, begann für mich der Jakobsweg. Das war ganz im Sinne dessen, was die Pfarrer auf eine diesbezügliche Frage zu antworten pflegten: „Der Weg beginnt vor deiner Tür.“ Heute, mit mehr als 1080 Kilometern Pilgererfahrung, stelle ich das in Frage und wundere mich sogar ein wenig über die doch sehr materialistische Antwort der Geistlichen. Ich bin überzeugt davon, und zwar als Materialist, dass der Weg im Kopf des Pilgers beginnt.

Als ich lospilgerte von der Mittelmeerküste quer durch Mittelspanien, trachtete ich danach, irgendwann auf den berühmten Französischen Weg zu stoßen. Den bevorzugen die meisten Jakobspilger. Für mich bot sich also als geographisch günstigste Lösung an, Richtung Ebro zu wandern und dann immer an seinen Ufern entlang nach Logroño.

Die erste Etappe, die mich nach Salzadella führen sollte, war die schlimmste in jeder Hinsicht. Nein, doch nicht in jeder: Es gab später, sehr viel später, weitaus schwierigere Tagesstrecken mit größeren Auf- und Abstiegen und wesentlich härteren klimatischen Verhältnissen. Das war also nicht der Grund, sondern vielmehr das Folgende: Du gehst los und nach einigen wenigen Kilometern schon merkst du, dass dein Vorhaben nichts hat von der Leichtigkeit, die du dir eingebildet hattest. Der schwere Rucksack drückt auf die Schultern, die Füße wollen nicht so recht vorwärts. Du kommst nicht in einen Rhythmus, der dir genehm ist. Die Gedanken hämmern auf dich ein und lassen dich nicht in Ruhe. Was soll dieses ganze wahnwitzige Unternehmen? Hast du dich nicht total überschätzt? Wem willst du etwas beweisen? Kehre doch einfach um! Lass doch den ganzen Quatsch! Noch ist es nicht zu spät! Und der Weg zurück ist doch noch so verdammt kurz ...

Scheitern ist nicht eingeplant

Ich kam an diesem Tag nicht bis Salzadella, doch ich kehrte auch nicht um. Der Abend brach herein. Keiner der Zweifel war zerstreut. Ich bog vom Weg ab auf eine Finca, auf der auch eine kleine, verschlossene Hütte stand. Kein Mensch weit und breit. Im Schutze der Dämmerung und eines riesigen Johannisbrotbaumes baute ich ein kleines Zelt auf, das ich für solche Gelegenheiten mit mir führte. Ich fühlte fast körperlich, dass dies hier ein recht sicherer Ort war. An die einbrechende Dunkelheit und eventuelle Gefahren verlor ich keinen Gedanken.

Der nächste Morgen bewies, dass ein bekanntes Sprichwort richtig ist: Die Zweifel waren zerstreut in der Ruhe der Nacht; alle meine Tätigkeiten orientierten sich vom Aufstehen an nur nach vorwärts, das nächste Ziel schon im Auge. Wenn ich diesen ersten Tag schaffen konnte, bewältige ich auch weitere. Das stand nun schon felsenfest. Auf den folgenden Etappen brauchte ich das Zelt kaum. Ich schlief bei einem Pfarrer in der Garage, ein anderes Mal in einer Sakristei auf dem Boden, in einem schönen Bett in einer Schule, in einer halb zerfallenen Hütte am Wegesrand zwischen alten Benzinkanistern, in einem Refugio (Nachtlager für Landstreicher), im runden Eckturm einer Kirche. Dann erreichte ich den  Ort Puig Moreno. Doch es war noch zu früh am Tag, um zu bleiben, und so fragte ich nach dem besten Weg zum nächstgelegenen Dorf. „Das ist Samper de Calanda“, erklärten mir ein paar nette Männer in der Bar des Ortes. Zwischen beiden Dörfern verläuft ein alter, ausgedienter Bahndamm – die kürzeste Verbindung, die es gibt. So ist jedenfalls die übereinstimmende Meinung der Männer. Ich bedanke mich und ziehe los.

Alles ist wie beschrieben: Die Natur hat den ehemaligen Bahndamm so gut wie zurückgeholt, allerdings liegt viele Kilometer lang noch der scharfkantige und spitze Schotter der Gleise und malträtiert die dünnen Sohlen meiner Wanderschuhe und damit auch die Füße. Längst ist mir klar, dass ich mein Tagesziel nicht mehr erreichen kann. Die Sonne taucht ab hinter den Horizont, die Dunkelheit kommt überraschend schnell. Ich spähe nach allen Seiten und vergewissere mich, dass mich niemand beobachtet. Kein Dorf, kein Haus, kein Mensch ist zu sehen. Ich schlage mich rechts vom Bahndamm in ein leicht hügeliges Gelände, suche einen passenden, ebenen Platz und errichte mein kleines Zelt. Das geht eigentlich sehr schnell. Trotzdem ist es schon vollkommen dunkel. Ich bin mir sicher, dass mich hier vom Bahndamm aus niemand sehen kann. Rasch schlüpfe ich ins Zelt und lege mich auf den Schlafsack und die Isoliermatte. Viel ist das nicht an Bequemlichkeit. Der Boden ist hart. Von draußen höre ich das anhaltende Zirpen der Zikaden und hin und wieder den Ruf eines Nachtvogels. Der Schlaf will nicht gleich kommen, weil die Füße schmerzen – die Gedanken gehen auf Wanderschaft ...

Man kann die Dunkelheit schätzen lernen

Ich war etwa zwanzig Jahre alt, als ich die erste umfassende Erfahrung mit der Dunkelheit der Nacht in freier Natur machte. Dabei liegt die Betonung auf „umfassend“ und allein, denn die üblichen Erfahrungen als Kind oder Jugendlicher mit einem dunklen Keller, der Dunkelheit der Straßen auf dem Heimweg nach der Disko oder die Nachtwanderung im Ferienlager – die hatte ich natürlich wie wahrscheinlich jeder andere auch schon gemacht.

Es war während meiner Zeit bei der Armee. Es passierte ein Auffahrunfall, der die Anhängekupplung eines großen Notstromaggregates beschädigt hatte, für das ich verantwortlich war. Da eine größere Übung ablief, die nicht aufzuhalten war durch solch eine Kleinigkeit, wurde ich kurzerhand abkommandiert als Wache für dieses Gerät bis zum Eintreffen des Abschlepptrupps. Die „Karawane“ zog also weiter, ich blieb mitten im Wald mit dem Notstromaggregat allein zurück. Immerhin trug ich eine Kalaschnikow bei mir und zwei volle Magazine – allerdings nur mit Platzmunition. Der Vorfall hatte sich am späten Nachmittag ereignet. Bis zum Einbruch der Dunkelheit erkundete ich ein wenig das Gebiet rund um meinen Standort und versuchte damit, die aufkommende Langeweile zu bekämpfen. Als es dann richtig dunkel war, rollte ich eine Zeltplane, die zur Ausrüstung gehörte, auf dem Boden unter dem Notstromaggregat aus und legte mich zum Schlafen darauf. Von nun an hatte ich für längere Zeit nichts anderes zu tun, als auf die Geräusche der Nacht zu achten und herauszufinden, wer oder was sie verursachte. Angst hatte ich keine. Irgendwann schlief ich ein. Ich weiß nicht, wie lange der Schlaf dauerte, als mich ein beunruhigendes Geräusch weckte. Es war das kehlige Grunzen von Wildschweinen; es müssen ziemlich viele gewesen sein. Ich fühlte mich nicht mehr sicher. Vorsichtshalber gab ich meinen Schlafplatz unter dem Aggregat auf und enterte lieber nach oben. Die Abdeckung war zum Glück groß genug, so dass ich längs auf dem Dach Platz fand. Die Wildschweine störten sich nicht an meiner Aktion, die aus gutem Grunde auch völlig leise verlief, und tummelten sich noch eine ganze Weile rund um mein Schlaflager. Sehr bequem war meine Lage trotzdem nicht. Die Nacht wollte kein Ende nehmen. Die Wildschweine waren schon längst weiter gezogen, also stieg ich wieder vom Gerät hinunter, um mich ein wenig zu bewegen. Meine Ausflüge führten rechts und links in den Wald hinein und wieder zurück. Ich machte wertvolle Erfahrungen mit der Dunkelheit wie die folgende: Ruhig zu bleiben und sich nicht zu bewegen, ist die sicherste Situation, wenn man die eigene Angst oder sogar Panik bekämpfen muss. Wenn du ganz still bist in der Natur, dann hörst du jedes Geräusch und natürlich auch jede Bewegung, die sich dir nähern sollte. Du bist im Vorteil gegenüber jedem, der sich nur bewegt oder gar panisch flüchtet. Als ich das durch eigenes Erleben endlich verinnerlicht hatte, war die Nacht nicht länger mehr mein Feind.

Einhundert Kilometer reichen nicht aus

Es gehört zu den Eigenarten des Pilgerns, dass du ständig mit Erfahrungen aus deinem Leben konfrontiert wirst. Wenn du gehst und gehst und gehst, dann ist es manchmal so, als gingen in deinem Kopf auch die Gedanken auf Wanderschaft. Sie durchsuchen alle Schubläden in deinem Gedächtnis und kramen Dinge hervor, die längst in Vergessenheit geraten waren. Ich habe mich immer gefragt, warum viele Pilger nicht genug bekommen können, was die Länge des Pilgerweges betrifft. Einhundert Kilometer, also unglaublich wenig, würden ja im Prinzip schon für Fußpilger ausreichen, um in Santiago de Compostela die Pilgerurkunde ausgehändigt zu bekommen. Warum also mehr? Eine Antwort, eine Erklärung wüsste ich aus eigenem Erleben. Die gerade beschriebene Konfrontation mit vielerlei Erinnerungen hält nicht den ganzen Weg an. Es kommt später, sehr viel später, ein Punkt, da kehrt sich die Sache um und der Verstand orientiert sich nach vorn. Jetzt fängt der Pilger an, darüber nachzusinnen, was er ändern kann und muss, was die Zukunft von ihm fordert, was er besser machen kann. Für solche tief greifenden Erkenntnisse reichen  hundert Kilometer nicht.

PS

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