Die Insignien des mittelalterlichen Jakobspilgers

Tradition spielt auf dem Weg eine gewisse Rolle

Ich hoffe, ich trete niemandem zu nahe, wenn ich das Wort „Insignien“ zu Beginn erklären möchte. Es mag ja doch ein oder zwei Leser geben, die mit dem Begriff nicht sofort etwas anzufangen wissen. Er ist ja auch erstens sehr alt und zweitens fremd, so fremd den meisten von uns die lateinische Sprache heutigen Tages nun mal ist. Lateinische Wörter also – wie zum Beispiel „insigne“, „signum“, im klassischen Latein „insignio“ und „insignis“ – erklären uns die Bedeutung. Ich lasse hier alles weg, was nicht passend ist, und da wären „Zeichen, Abzeichen, Merkmal“ und für „insignis“ = „durch ein Abzeichen vor anderen kenntlich“ als am treffendsten zu nennen.
 
Durch eine bekannte Frageseite im Internet weiß ich, dass selbst mit dem Begriff des Jakobspilgers häufig Unsicherheiten auftreten, die wir hier anfangs gleich mit beseitigen wollen. Am besten lassen wir den italienischen Dichter und Philosophen Dante Alighieri zu Wort kommen. Er wurde 1265 in Florenz geboren und beschrieb in seinem Jugendwerk „Vita Nova“ die Pilger allgemein so:
 
„Man nennt sie palmieri, weil sie über das Meer in ein Land reisen, aus dem sie oft einen Palmzweig mitbringen; man nennt sie peregrini, weil sie in das Haus in Galicien gehen, wo das Grab des Heiligen Jakob weiter von seiner Heimat entfernt liegt als das irgend eines anderen Apostels; man nennt sie romei, denn sie gehen nach Rom.“
 
Damit hat der Dichter die drei bedeutendsten Pilgerwege seiner Zeit und bis heute charakterisiert. Es handelt sich also erstens um jene Pilger, die zum Heiligen Grab nach Jerusalem gehen. Ihr äußerliches Zeichen der vollendeten Pilgerschaft ist ein Palmwedel (Insignie), den sie mit nach Hause nehmen. Die zweite Gruppe, die an das Grab des Apostels Jacobus in Galicien nach Santiago de Compostela pilgert, dies sind die eigentlichen Jakobspilger. Ihr Kennzeichen ist die Jakobsmuschel. Bleibt noch das Kreuz, welches die dritte Pilgergruppe kennzeichnet. Es handelt sich dabei um Pilger, deren Ziel Rom ist, wo sich die Apostelgräber von Petrus und Paulus befinden.
 
Wenden wir uns dem Aussehen eines Pilgers von damals im einzelnen zu. Dabei steht hier der Jakobspilger im Mittelpunkt. Im Detail wird nicht ein Pilger wie der andere ausgesehen haben. Das erlaubten schon die unterschiedlichen Lebensbedingungen nicht. Es pilgerten ja Arme genauso wie Reiche, der Bettelmann ebenso wie der König. Es geht hier also in der Beschreibung um eine Art Grundtypus, denn wichtig war, dass der Pilger an seinem äußerlichen Habitus von der Bevölkerung erkannt werden konnte. Es ging dabei um praktische Hilfe, angefangen von einem Stück Brot oder einem warmen Essen über andere milde Gaben einschließlich Geld bis hin zur Gewährung eines Nachtlagers. Von einer regelrechten Pilgerkleidung spricht man ohnehin erst ab dem Mittelalter. Immer wieder erwähnt wird nun ein langer, geräumiger Umhang aus dichter, dunkler Wolle, der gegen Kälte und Regen schützen sollte und des Nachts als Schlafdecke dienen konnte. Auch ein breitkrempiger Hut, der ebenfalls gegen Regen und ebenso gegen die unbarmherzigen Sonnenstrahlen Schutz bot, ist unumstritten. Dazu kamen meist eng anliegende Beinkleider (Hosen). Beim Obergewand finden sich schon verschiedene Angaben. Auch bei den Schuhen gehen die Meinungen auseinander. Das ist übrigens – man mag es ganz natürlich oder kurios finden – heute auch nicht anders. Für das Erscheinungsbild des mittelalterlichen Pilgers ist es zudem von untergeordneter Bedeutung, was er „drunter“ trug. Sehen wir ihn doch folgendermaßen vor uns:  
 
eine in einen dunklen, weiten Umhang gehüllte Person mit einem ebenso dunklen, breitkrempigen Hut auf dem Kopf, auf der einen Seite einen kräftigen Pilgerstab in der Hand, der den Pilger meist sogar etwas überragte, auf der anderen Seite eine offene Tasche mit den Reiseutensilien und am Gürtel ein Gefäß für Wasser (Lederschlauch oder ausgehöhlter Kürbis u.ä.). Auf einer Seite war die Krempe des Hutes unter Umständen hochgeschlagen, um Platz zu bieten für Pilgerabzeichen, die der Pilger bereits bei vorangegangenen Touren erworben hatte. An den Füßen trugen die Pilger Schuhe oder auch Sandalen mit Riemen. Wohlhabende Pilger führten wohl ein Ersatzpaar mit sich, ärmere besaßen unter Umständen gar keine Schuhe, sondern liefen barfüßig und wickelten auf steinigem oder dornigem Gelände Lappen um die Füße.
Der Pilgerstab musste relativ groß und kräftig sein, denn er diente den mittelalterlichen Pilgern in vielfältiger Weise. Er unterstützte die Fortbewegung und erlaubte durch seine Größe auch das Überspringen von kleineren Gräben und Bachläufen sowie das Abstützen in abschüssigem, steilem Gelände. Er schützte darüber hinaus vor wilden Tieren, wie Wölfen und Hunden, und auch Räuber und Diebe konnten damit eventuell auf Abstand gehalten werden. Wie wichtig der Pilgerstab war, wissen wir unter anderem aus der Literatur von damals, zum Beispiel dem „Codex Calixtinus“, einer Handschriftensammlung aus dem 12. Jahrhundert, die als erstes Pilgerbuch der Welt gilt und in der Kathedrale von Santiago de Compostela aufbewahrt wird. Darin heißt es, dass sowohl der Stab als auch eine Ledertasche für den Proviant in der Kirche geweiht und dem jeweiligen Pilger übergeben wurden. Fehlt noch eine wichtige Insignie, die jedoch als einzige erst am Ziel der Pilgerreise zu erwerben war: die Jakobsmuschel. Der Codex Calixtinus erklärt die Bedeutung der Muschel aus ihren zwei Hälften, die den innen liegenden Körper schützen. So soll eine Muschelschale für die Liebe zu Gott und die andere für die Liebe zum Nächsten stehen. Eine andere Erklärung geht auf eine Legende zurück, die es in verschiedenen Varianten gibt, zum Beispiel diese:
 
Als der Apostel Jacobus mit dem Schiff an der spanischen Küste ankam, fiel vom Himmel ein heller Schein auf den Heiligen. Das verstörte das Pferd eines am Ufer wartenden Ritters derart, dass es vor Aufregung mitsamt dem Reiter ins Wasser sprang. Der Ritter konnte gerettet werden und man sah mit Erstaunen, dass er über und über mit Jakobsmuscheln bedeckt war.
 
Aufgrund solcher Legenden gingen einige Pilger über Santiago de Compostela hinaus bis zum Kap Finesterre am Atlantischen Ozean, das man damals für das Ende der Welt hielt, und suchten dort nach Jakobsmuscheln. Wenn sie unbeschadet Erfolg hatten, hefteten sie sich die Muscheln an den Hut, das Gewandt oder an den Pilgerstab. Später musste keiner mehr bis zum Kap laufen, obwohl das einige Pilger bis heute noch tun. Unmittelbar an der Kathedrale von Santiago de Compostela konnte der Pilger nunmehr einfach eine oder auch mehrere Jakobsmuscheln erwerben. Er besaß damit die wichtigste Insignie des Jakobspilgers, stand für den Heimweg unter rechtlichem Schutz und konnte obendrein beweisen, dass seine entbehrungsreiche Bußtour am Ende von Erfolg gekrönt war.

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