Die Kunst des Weglassens

Informiert sein ist die halbe Miete

Wenn man sich entschlossen hat, den Jakobsweg oder natürlich auch jeden anderen Pilgerweg zu gehen, dann bedarf es meist einiger Vorbereitungen. Mir sind zwar auf dem Weg einige wenige Pilger begegnet, die stolz darauf waren, ganz spontan, ohne größere Überlegungen, einfach losgelaufen zu sein; ich weiß nicht und bezweifle es stark, ob sie je in Santiago de Compostela angekommen sind.

Gehen wir mal davon aus, wir haben es mit einem ganz normalen Pilger zu tun, der durchaus glaubt, dass einige Vorbereitungen nützlich sein könnten, um den ganzen Weg unbeschadet zu überstehen. Er wird sich wohl als erstes jede Menge Informationen beschaffen. Gut informiert zu sein über den Jakobsweg an sich ist tatsächlich die halbe Miete für den Erfolg solch eines Unternehmens. Denn aus der guten Information erwachsen vorbereitende Handlungen, die das spätere Pilgern sinnvoll erleichtern.

Je weniger desto besser

Früher oder später stößt der Pilgerwillige auf eine ganz entscheidende Frage, die er sich vielleicht auch selber schon gestellt hat: Wie schwer darf mein Gepäck sein, und was kann ich tun, um das Gewicht möglichst zu minimieren?

Nun – es gibt längst eine gängige und inzwischen zigtausend Mal bewährte Formel. Sie ist ebenso einfach wie offenkundig schwer einzuhalten: Zehn Prozent vom Körpergewicht sollen es etwa sein – nicht mehr, weniger ist natürlich um so besser. Doch offensichtlich genügt die Kenntnis dieser Formel nicht. Wie könnte es sonst sein, dass die Diskussion um das Idealgewicht des Rucksacks wieder und wieder ganze lange Diskussionsseiten in den bekannten Pilgerforen füllt?

Nun, der Grund dafür ist wie so oft der Mensch an sich allein. Weil wir eben so unterschiedlich sind – zum Glück, meine ich. Der eine kommt mit dieser wünschenswerten Begrenzung nicht zurecht, weil er auf manche Dinge einfach nicht verzichten will. Der andere denkt, er wäre doch stark genug und könne gut ein wenig Gewicht mehr vertragen als der Durchschnitt. Andere wiederum meinen, das wäre schon zu viel, und sie tun alles Erdenkliche, dieses Optimalgewicht weiter zu reduzieren.

Brauche ich das wirklich?

Letzteres ist für die Gesundheit des Pilgers im Allgemeinen natürlich zuträglicher als all zu forsche Selbstüberschätzung. Das haben wir doch alle schon gesehen und erlebt unterwegs. Es geht hier um eine einfache, aber nur schwer zu realisierende Fertigkeit: die Kunst des Weglassens! Immer und immer wieder sollte sich der Pilger, bevor er losgeht,  die Frage stellen: „Brauche ich das wirklich?“ Wenn selbst der geringste Zweifel besteht – lass es einfach zu Hause! Du bist ja nicht außerhalb der Welt. Spanien ist ein europäisches Land. Der Lebensstandard ist nicht merklich anders als in Deutschland. Überall gibt es Geschäfte, wo man fehlende Sachen ergänzen kann. Sie sind – weil landestypisch und oft direkt für den Pilgerweg gedacht – häufig nützlicher und praktischer als Mitgebrachtes.

Pilgerausrüstung, bestehend aus Rucksack, Hut und Trekkingstäcken  Pilgerausrüstung

Jeder muss es letztendlich selbst entscheiden. Würde ich von meinem Rucksack nachträglich eine Packliste erstellen, wäre ich wohl kein leuchtendes Beispiel für die oben genannte Kunst des Weglassens. Da muss man auch ehrlich mit sich selber sein. Der Weg zwingt dich früher oder später ohnehin dazu. Das ist eine Erfahrung, die ich mit vielen anderen Pilgern teile.

Doch ich habe auch hinzugelernt. Später, vor allem im Internet, sah ich mir viele Packlisten auf den unterschiedlichsten Seiten an. Für die eine sprach dieses, für die andere jenes, und Manches gefiel mir auch nicht. Doch schließlich kann jeder, der in etwa meine Philosophie des Pilgerns teilt, nach der für ihn passenden Packliste im Internet suchen.

Wenn der Inhalt stimmt, ist dies das Einzige, was zählt ...

PS

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