Die längst vergessenen Wege

Es sind insgesamt so viele wie Fäden bei einem Spinnennetz

Es ist wohl inzwischen bekannt, dass es nicht nur den einen Jakobsweg gibt. Daraus ergeben sich hin und wieder Unsicherheiten bei der exakten Begriffsbestimmung. Die Unterschiede sind gering, aber wichtig, wenn es um die Definition jenes Weges geht, den man für sich selbst ausgewählt hat. Sagt also einer „Ich gehe den Jakobsweg.“ , dann müsste eigentlich immer der auch als Hauptweg bezeichnete Französische Weg im Norden Spaniens von Saint-Jean-Pied-de-Port von der französischen Grenze her kommend bis nach Santiago de Compostela gemeint sein.
Alle anderen bekannten und viel begangenen Wege tragen eine eigene, exakte Bezeichnung wie zum Beispiel der Camino Portugues, der – wie es der Name ja schon verrät – durch Portugal führt, oder der Camino del Norte, der an der spanischen Atlantikküste entlang führt. All diese Wege, also alle außer dem Hauptweg, sind die Jakobswege. Alle Jakobswege zusammen bilden so etwas wie eine Art Spinnennetz, allerdings einer besonderen Art, nämlich der Trichterspinne. Ein Blick auf eine Karte mit den bekannten eingezeichneten Jakobswegen verdeutlicht das. Vom Nord-Osten Europas kommend, ist es ein breit gefächertes Netz, das sich in Richtung französisch-spanischer Grenze in den Pyrenäen auch territorial bedingt mehr und mehr verschmälert. Dieses Bild setzt sich bis Santiago de Compostela fort.

Ich ging von der Tür meines Hauses los. Also suchte ich in der Literatur und im Internet nach einem ausgewiesenen Jakobsweg in meiner Nähe. Ich fand ihn schließlich, und zwar bezeichnet als „Camino del Maestrazgo y Bajo Aragon al Santiago de Compostela“. Es gibt darüber verschiedene – auch abweichende – Wegbeschreibungen. Das kommt wohl vor allem daher, dass der Weg über mehrere Provinzen geht und jede einzelne ihre eigene Auslegung vom Verlauf hat. Es gibt ja durchaus so etwas wie einen Wettbewerb um die Anerkennung der Jakobswege. Die wahrscheinlichste und fundierteste Variante ist die folgende: Provinzhauptstadt Castellon über Borriol - Cabanes – San Mateu – Morella – Alcañiz – Escatron. Der letztgenannte Ort gehört schon zum Camino del Ebro. Zwischen diesen Hauptorten gibt es manchmal unterschiedliche Varianten. So kann man zum Beispiel von Morella aus rechts über La Poebla de Alcolea und Torre de Arcas weiterziehen oder links über Ortells, Zorita und Aguaviva. Ich hatte den rechten Weg gewählt und bereue es bis heute nicht, weil dieser Weg mir einige Erlebnisse bescherte, auf die ich keinesfalls gern verzichtet hätte. Doch der linke Weg ist möglicherweise landschaftlich spektakulärer und führt darüber hinaus mit dem Höhlenkloster Virgen de la Balma (inzwischen rekonstruiert) über eine absolute Sehenswürdigkeit.

Die Landstrasse nach Salzadella im Morgennebel  Gelber Pfeil, der den Jakobsweg weist, hinter dem Kloster Rueda

Sonnenaufgang am Bahndamm hinter Puig de Moreno  Der Ebro hinter der Anadon-Kapelle

Impressionen vom Jakobsweg, wie ihn der Autor selbst gesehen und im Foto festgehalten hat: oben links eine Landstrasse Richtung Salzadella im Morgennebel, rechts der erste gelbe Pfeil nach dem Ebro-Ort Escatron und hinter dem Kloster Rueda; links unten Abendstimmung an einem alten rekultivierten Bahndamm Richtung Samper de Calanda und rechts ein Ebrobogen nahe der Anadon-Kapelle

Eines dürfte wohl klar sein: Pilgerherbergen sind auf diesen relativ unbekannten Pfaden Mangelware. Ich kam auf der Höhe von Salzadella, also noch vor San Mateu, auf diesen Weg. Pilgerherbergen bzw. Refugios, wo man hätte schlafen können, fand ich nur in Ginebrosa (neue Herberge, jetzt 8,- €), Alcañiz (Refugio, kostenlos, Melden bei der Caritas und der Policia Local). Alle anderen Möglichkeiten zur Übernachtung ergaben sich durch Nachfrage beim Pfarrer oder beim Bürgermeister des jeweiligen Ortes. Nutzte auch das nichts, schlief ich im mitgeführten kleinen Zelt. Letzteres erhöhte allerdings das Gesamtgewicht meines ohnehin nicht gerade leichten Rucksacks um 1,75 Kilogramm. Um es gleich vorweg zu nehmen: Auf dem Hauptweg braucht man so etwas nicht!

Vom Ort Escatron an befindet man sich auf dem Camino del Ebro. Dieser Jakobsweg ist schon etwas bekannter, wird auch in der entsprechenden Literatur geführt und erwähnt, gehört aber nicht unbedingt zu den am meisten begangenen. Vor allem die Spanier wissen um seine Existenz und nutzen ihn vor allem deshalb, weil der Historie nach der Heilige Jakob selbst diesen Weg gepilgert sein soll. Darüber hinaus bildet er, vom Mittelmeer kommend, eine Art Zubringer für den berühmten Französischen Weg. Diesen erreicht der Pilger dann auf der Höhe von Logroño, Hauptstadt der Provinz und der Autonomen Gemeinschaft La Rioja.  Beginnen sollte man diesen Weg in Sant Jaume d’Enveja über die Orte  Sant Carlos de la Rapida – Tortosa – Escatron – Fuente de Ebro – Zaragoza – Tudela – Calahorra – Logroño. Auch hier liegen wieder jede Menge weitere Dörfer  dazwischen. Jeder sollte sich die Etappen so einteilen, wie es für seine Kräfte am besten ist und in diesem Falle natürlich auch, wo man vielleicht ein Schlafquartier bekommt. Die zahllosen Pilgerführer folgen aus mir völlig unersichtlichen Gründen zumeist einheitlich einem bestimmten Schema, was die einzelnen Etappenorte betrifft. Es gibt aber keinen vernünftigen und auch keinen historisch belegten Grund dafür, dass man zum Beispiel auf der 22. Etappe von Rabanal de Camino bis Ponferrada 32 Kilometer zurücklegen soll. Pilgern ist ja - wenigstens für die meisten Pilger - kein sportliches Leistungsziel. Und so bieten sich allein auf dieser Strecke weitere Pilgerherbergen an, und zwar in Foncebadon, Manjarin (sehr speziell), El Acebo, Riego de Ambros und in Molinaseca. Also nicht entmutigen lassen von solchen Vorschlägen. Es gibt immer eine Lösung. Doch das ist dann schon wieder ein anderes Kapitel.

PS

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