Die Stadt auf dem Sternenfeld

Santiago de Compostela aus der Sicht eines einkehrenden Pilgers

Ich sah die Stadt zum ersten Male vom Hange eines kleinen Hügels aus, dem Monte Gozo. Von hier sind es noch etwa vier bis fünf Kilometer bis zur Kathedrale – je nachdem, welchen Weg der Pilger wählt. Am Monte Gozo befindet sich eine riesige Herbergsanlage mit 800 Betten für ankommende Pilger und noch einmal mindestens genau so viele für zahlende Gäste. Am Fuße des Hügels steht eine kleine Kapelle, die gerade durch ihre Schlichtheit die Seele des ankommenden Pilgers berührt – mehr jedenfalls als das riesige Denkmal auf der Kuppe des Berges aus Bronze, Granit und Beton, das an den Besuch von Papst Juan Pablo II. im Jahre 1982 erinnert.

Ich verbrachte die Nacht in der Herberge am Monte Gozo, weil ich am nächsten Morgen in die Stadt hineingehen wollte, um so gut wie den ganzen Tag dafür zur Verfügung zu haben. Ich wählte nicht den unteren Ausgang aus der Herberge, der direkt in die Vororte von Santiago führt, sondern ging bewusst einen kleinen Umweg oben heraus und nochmals an der kleinen Kirche vorüber. Eine kleine Straße, gesäumt von modernen Siedlungshäusern, führte mich hinab in das Tal, in dem die Stadt Santiago de Compostela liegt. Ein letzter großer Bogen noch, und dann befand ich mich schon auf einer Straße  mit kleinstädtischem Charakter, auf der ich sichtlich nicht der einzige Pilger war, der dem Ziel jetzt zustrebte. Längere Zeit ging es immer geradeaus, bevor dann rechterhand ein Weg direkt in die Santiagoer Altstadt abzweigte.

Santiago de Compostela - Altstadt

In der Altstadt von Santiago de Compostela

Der Name der Stadt bedeutet ja nichts anderes als Heiliger Jakob – Santiago. Für den zweiten Teil des Namens, also Compostela, gibt es mehr als eine Erklärung. Die beliebteste ist wohl die Übersetzung als „Sternenfeld“, die wahrscheinlichere aber eher von „compostum“ – römisch für Friedhof. Ursprung des Namens ist eine Legende, nach der an der Stelle, wo sich heute die Stadt Santiago erhebt, das Grab des Heiligen Jacobus mit seinen sterblichen Überresten entdeckt wurde. Zuerst baute man eine Kirche darüber, um diese herum wuchs nach und nach die ganze Stadt. Letzteres war natürlich vor allem der Tatsache geschuldet, dass Santiago de Compostela, also Santiago auf dem Sternenfeld, sich neben Rom und Jerusalem zum drittwichtigsten Pilgerort der Christenheit entwickelte.

Im Jahre 2011 lebten etwas über 95 000 Einwohner in der Hauptstadt der Autonomen Gemeinschaft Galicien. Santiago de Compostela gehört zur Provinz A Coruña. Die gesamte Altstadt ist zum Weltkulturerbe erklärt und wird entsprechend von der UNESCO geschützt. Die Stadt verfügt über einen Flughafen in Lavacolla, einen großen Bahnhof für die spanische Eisenbahn RENFE sowie einen Busbahnhof, von dem aus Busse unter anderem sogar bis nach Deutschland fahren. Die Kulturhauptstadt beherbergt auch eine der ältesten Universitäten des Landes. Ihre Geschichte reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Viele Gebäude der Universität gehören zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, besonders die historische Fakultät mit ihrem Vorzeigestück – der Bibliothek. Sie befindet sich auf der Praza Universidade (Platz der Universität).

Die mächtige Kathedrale überstrahlt alles

Selbstredend ist die bekannteste und meistbesuchte Sehenswürdigkeit von Santiago de Compostela die Kathedrale. Ihre Wirkung strahlt nicht nur auf jeden ankommenden Pilger aus, sondern auf jeden anderen Besucher auch. Viele, viele Stunden könnte man allein in der riesigen Kathedrale verbringen, und man würde immer wieder Neues entdecken. Da ist ja nicht nur das räumlich beeindruckende Hauptschiff mit dem goldenen Altar des Heiligen Jacobus. Rechts und links davon befinden sich einige, zum Teil leider abgeschlossene Kapellen, die allein, sobald man sie betreten hat, an eine eigene große Kirche erinnern. Ich hatte die Gelegenheit, eine davon näher in Augenschein nehmen zu dürfen, weil in ihr die abendliche heilige Pilgermesse stattfand. Zu dieser sind ausschließlich jene Pilger geladen, die an diesem Tage in Santiago angekommen sind. Auch als eigentlich Ungläubiger ging ich dorthin, weil ich die Hoffnung hatte, einigen meiner Mitpilger wieder zu begegnen. Die Kapelle musste sowohl mit dem Jakobsweg als auch mit den Tempelrittern in einem engen  Zusammenhang stehen. Hoch oben, nach etwa zwei Dritteln der Gesamthöhe, bildeten große Jakobsmuscheln den Deckenabschluss von gewölbeartigen schmalen Nischen. In der Mitte der strukturierten Muscheln prangte jeweils das charakteristische Templerkreuz in dunkelroter Farbe. Bunte Freskenmalereien auf zum größten Teil blassblauem Untergrund bedeckten überall die Wände. Für mich war diese Kapelle in ihrer Gesamtheit das Beeindruckendste, das ich je in einer Kirche oder Kathedrale zu sehen bekommen habe.

Die Kathedrale von Santiago de Compostela  Seiteneingang der Kathedrale von Santiago de Compostela

Vorderansicht der Kathedrale von Santiago de Compostela und der obere Seiteneingang (rechts)

Das Pilgerbüro ist nach der Kathedrale die nächst wichtigste Anlaufstelle für jeden einkehrenden Pilger. Vorausgesetzt natürlich, er legt Wert auf eine Art Beurkundung der vollbrachten Leistung. Hier meldet er sich, füllt einen wirklich sehr kleinen Fragebogen aus und bekommt im Gegenzug nach nicht sehr strenger Prüfung die sogenannte Compostela - die begehrte Pilgerurkunde. Das Büro befindet sich in der Rua del Villar in einem sehr schönen historischen Gebäude, dem Casa de Deán, ein Stadtpalast mit wunderschöner gotischer Fassade. Es ist Teil des Universitätsviertels, das ohnehin von vielen wunderschönen Häusern, Palästen, kleinen Geschäften, Restaurants und Cafés in romantisch engen Gassen mit historischem Pflaster geprägt ist.

Der bestimmendste Platz der Stadt ist zweifellos die Plaza del Obradoiro. Eine ihrer Seiten nimmt fast vollständig die Kathedrale ein. Ihr direkt gegenüber liegt der ausladende neoklassizistische Rajoi-Palast aus dem 18. Jahrhundert mit einem Kreuzgang, der über die gesamte Länge des Platzes reicht. Heutigen Tages dient es der Stadtverwaltung als Casa Consistorial. Von der Kathedrale aus rechterhand befindet sich das Hospital der zwei katholischen Könige mit einem wunderschönen Portal - ehemals ein Pilgerhospiz, heute ein Parador, also ein Hotel, für zahlungskräftige Gäste. Auf der linken Seite begrenzen die ersten Gebäude der Universität den Platz: das Colegio San Jeronimo, ein Kloster aus dem 15. Jahrhundert mit romanischem Portal, und dahinter das Colegio de Fonseca mit der wertvollen Universitätsbibliothek.

Ein Pilgerdenkmal in Santiago de Compostela  Altstadt von Santiago de Compostela im Regen

Ein Pilgerdenkmal in einem Park in Santiago de Compostela, rechts die Altstadt von Santiago in leichtem Regen (alle Fotos vom Autor)

Ich blieb auch den nächsten Tag noch in Santiago de Compostela, denn vor allem das abendliche Flair dieser wunderbar lebendigen und so geschichtsträchtigen Stadt wollte ich mir keinesfalls entgehen lassen. Doch die größte Pilgerherberge der Stadt, das Seminario Menor, wurde gerade rekonstruiert. Nach der riesigen Anlage vom Monte Gozo wollte ich auch nicht wieder zurück. Zum Glück fand ich eine kleine, bescheidene Herberge, die auch den Geldbeutel nicht über Gebühr belastete. Das bunte Treiben in der romantisch beleuchteten Altstadt sowie einige zufällige Zusammentreffen mit Pilgerfreunden vom eben erst bewältigten Weg lohnten dies kleine Investition um ein Vielfaches. Daran änderte auch der leichte Nieselregen nichts, der für Santiago de Compostela charakteristisch ist. Die Nähe zum Atlantik macht sich halt bemerkbar.

Was bleibt, ist die im Augenblick noch ungestillte Sehnsucht, auf jeden Fall noch einmal eines Tages dorthin zurückzukehren.

PS

 

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