Gedanken eines Ungläubigen zur Spiritualität

Zugehörigkeit zu einer Religion ist keine Bedingung für spirituelles Handeln

Spiritualität ist ein Thema – ich habe mich schon vor dem Niederschreiben auf dieses amüsante Wortspiel gefreut –, an dem sich die Geister scheiden können. Die knappste Erklärung beziehungsweise Übersetzung aus dem Lateinischen findet das Große Fremdwörterbuch - noch aus der DDR-Zeit stammend - von 1977: Spiritualität = Geistigkeit. Schmuggelt man ein kleines „l“ ein, entsteht das Wort Geistlichkeit. Damit sind wir bei einer Gruppe von Menschen, die gemeinhin im engen Zusammenhang mit der Spiritualität gesehen wird. Das muss aber nicht generell so sein. Spiritualität ist nicht zwangsläufig an Religion gebunden und schon gar nicht an eine bestimmte.
Bei spirituell sagt dasselbe Buch immerhin schon etwas mehr, und zwar: geistig,  geistlich, übersinnlich. Letzteres ist insofern interessant, weil es beweist, dass Übersinnlichkeit durchaus nicht aus dem Sprachgebrauch einer materialistischen Gesellschaftsordnung, als die sich die DDR damals verstand, gebannt war.

An Geister mag glauben, wer will ...

Über den Wortstamm gibt es wohl keinen Streit: spiritus, der Geist. Was allerdings darunter zu verstehen ist – da gehen die Meinungen schon sehr auseinander. Die große Mehrzahl der Internetseiten, die ich zu diesem Thema durchforstete, glaubt wohl, oder will glauben machen, dass es sich um ein Wesen handelt, einen Geist eben, so im Sinne von Gespenst – nicht sichtbar, aber da. Woher sie kommen, wohin sie gehen, welche Funktion und Bedeutung diese Geister haben, darüber gibt es keine einheitlichen Aussagen. Ich möchte deshalb hier nur eine unkommentierte Reihe von Begriffen auflisten, die allein schon zeigt, wie unübersichtlich, ja verworren es auf diesem Gebiet zugeht: Ich-Werdung und Selbst-Werdung, persönliche Beziehung zu einer höheren Macht namens Gottes, Wiedergeburt, Seelenwanderung, Astrologie, Traumdeutung, Karma, spirituelle Heilung, Transzendenz (Auferstehung Jesu Christi z.B.), Engel und andere übernatürliche Wesen und so weiter und so fort ...
Ich dagegen glaube, dass „spiritus“, der Geist, kein Wesen ist, sondern ein Zustand, der in unserem Kopfe wohnt mit einer sehr materiellen und biologischen Grundlage – unserem Gehirn. Er hat mindestens noch einen kritischeren Bruder, den man Verstand nennt und den man ebenso wenig gegenständlich greifen kann. Beide zusammen bilden eine fantastische Kombination für Spiritualität. Wenn man also gemeinhin sagt, das einer besonders geistreich sei, dann ist bestimmt nicht gemeint, dass sich in dessen Wohnung oder Haus eine Vielzahl von Geistern tummeln, mögen diese nun spirituellen Charakters sein oder nicht.

Es gibt keine Wahrheit, die nur Einigen gehört

Was mich sehr verärgert ist, dass auch die Theoretiker der Spiritualität den gleichen und alle Andersdenkenden beleidigenden Alleinvertretungsanspruch für eine bestimmte, in ihren Augen wohl absolute Wahrheit einnehmen, wie das auch zum Beispiel die katholische Kirche tut. Diese sagt unverhohlen: „Wer sich Gott nicht öffnet, wird eines Tages in der Hölle schmoren!“ Nun gut – eine wirkungslose Drohung an alle Ungläubigen, weil diese praktischerweise ja nicht nur nicht an Gott, sondern ebenso wenig an das Vorhandensein einer Hölle glauben.
Die Anbeter der Spiritualität in diesem Sinne sagen: „Spiritualität bedeutet, das Bewusstsein zu entwickeln, dass der menschliche Geist seinen Ursprung in der göttlichen Dimension hat. Ohne Verbindung zum Göttlichen, kann man nicht menschlich leben.“ (aus einer diesbezüglichen Website) Ich kann nicht glauben, dass dieser Satz ernst gemeint ist. Wenn dem so wäre, würde das doch im Umkehrschluss bedeuten, dass jeder Mensch, der nicht an diese Theorie glaubt, noch nach ihr lebt, ein Unmensch wäre und unmenschlich dahinvegetiert. Das ist anmaßend. Es legt auch den Verdacht nahe, dass sich unter all dem bunten Gewimmel der Begrifflichkeiten und auch unter der gelebten, vielschichtigen Spiritualität sich in Wirklichkeit ein weiterer, neuer Fundamentalismus verbirgt, der sich lediglich bunter kleidet und offener gibt als andere. Es ist doch immer das Gleiche: Jeder will auf seine Art Recht haben und daran  glauben, dass nur er im Besitz der absoluten Wahrheit wäre, die es in Wirklichkeit doch gar nicht gibt. Als toleranter, argumentativ offener Mensch könnte man den obigen Satz genauso gut folgendermaßen formulieren: „In der Verbindung zum Göttlichen können manche Menschen glücklicher leben.“
 
Pilgerweh, der in die Wiolken führt - hinter Manjarin
 
Um jedoch niemandem Unrecht zu tun, der dieser Argumentation gar nicht folgt, möchte ich einen weiteren Satz aus einer Internetseite hinzufügen: „Alles was mit einer gewissen Achtsamkeit, Zuwendung, Hingabe oder Bewusstheit durchgeführt wird, kann Spiritualität ausdrücken.“ Das ist doch wenigstens eine Betrachtungsweise, der sich jeder anschließen kann, selbst wenn er von sich meint, mit Spiritualität nicht all zu viel am berühmten Hut zu haben. Eine Sicht – so meine ich -, die vor allem von Toleranz geprägt ist. Auch ich als „Ungläubiger“ (auf die Existenz des guten, alten, lieben Gottes bezogen) kann mir solch eine Haltung bedingungslos zu eigen machen.
Was unterscheidet mich letztendlich von einem überzeugten Anhänger des Spiritualismus? Letzterer würde vielleicht folgenden Satz sagen: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man sich nicht erklären kann. Ich würde den Satz folgendermaßen formulieren: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man sich noch nicht erklären kann. Aus diesem winzigen Unterschied einen Gegensatz oder gar ein Gegeneinander zu konstruieren, wäre doch ausgesprochen dumm und unangebracht. Soll doch jeder so leben, wie er es möchte, wenn er damit keinem Anderen schadet.
 
Peter Schumann

Empfehlung für ein spirituell angehauchtes Buch

Beim Erstellen dieser Webpräsenz hätte ich gern in meiner Linkliste eine Vielzahl von Links zu anderen Webseiten gesetzt, die meine Meinung – denn nur um eine solche handelt es sich hier – unterstützen können. Leider habe ich nur eine einzige gefunden. Es ist möglich, dass im Laufe der Zeit die eine oder andere noch hinzukommt. Auch der Beitrag selbst ist nicht statisch. Wenn ich bei bestimmten Argumenten zu neuen Erkenntnissen gelange oder mir dieser oder jener kluge Satz unter die Augen kommt, lasse ich das auch später noch einfließen. Insofern lohnt sich vielleicht ein gelegentliches wiederholtes Vorbeischauen.
 
Auf den Eingangsseiten der Homepage stelle ich ein Buch vor. Es ist kein Werk, das sich mit der Spiritualität an sich auseinandersetzt. Dazu fehlte dem Autor, ehrlich gesagt, auch das nötige Hintergrundwissen. Es handelt sich um eine Erzählung, die jedoch von ihrem Charakter her durchaus spirituell angelegt ist – eine Erzählung über das Pilgern nach Santiago de Compostela mit allen Träumen, Wünschen und Eingebungen eines suchenden Pilgers. Pilgerbuch

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