Gedankliche Vorbereitung

Der Jakobsweg verkörpert ein Stück Kulturgeschichte

Die Überschrift provoziert natürlich bei dem einen oder anderen sofort die Frage: Ist denn so etwas überhaupt notwendig? Muss ich mir tatsächlich vorher Gedanken darüber machen, wie ich diesen Weg gehen will?

Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. Es hängt viel davon ab, welchen Stellenwert diese Pilgertour bei dir einnimmt, was für ein Typ Mensch du bist oder zu sein glaubst – spontan zum Beispiel oder eher planvoll und bedacht. Ich habe nichts gegen Menschen, die sich spontan für eine Unternehmung entscheiden, nicht lange darüber nachdenken und sofort losgehen. Das kann manchmal durchaus erfrischend, unkompliziert und sinnvoll sein.

Flache Landschaft mit Sonnenaufgang

Für mich jedenfalls hatte das Vorhaben, den Jakobsweg gehen zu wollen, eine größere, private Bedeutung. Weil dies eben so privat war, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen. Es wird immer und auch fast bei jedem solche Gründe geben, über die man freimütig erzählt, und solche, die man lieber ganz für sich behält. Ich trug mich also längere Zeit mit dieser Idee und brauchte auch nicht die Anregung durch ein Buch, das zu diesem Thema gerade in Deutschland  Furore machte. Ich las es aus Neugier natürlich auch, weil ich durchaus den Humor des Autors schätzte, ebenso wie das Buch von Paulo Coelho „Auf dem Jakobsweg“. Doch ich verstand diese Literatur nicht als Auslöser für mein Handeln, das längst beschlossen war, sondern vielmehr als Einstimmung, als vorbereitende Erlebnisberichte und Stimmungsbilder.

Ich hatte es nicht eilig. Ich las viel Informatives über den Jakobsweg und überhaupt über alle bedeutenden Pilgerwege. Doch immer wieder kehrte ich vor allem auf den einen Weg zurück, der wohl auch der bekannteste ist: der Französische Weg von Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela. Die Geschichte, die Kultur dieses Weges faszinierten mich ebenso wie die Geschichten und Legenden über seinen Namensgeber, den Heiligen Jacobus. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob ich diese Geschichten jemals für wahrhaftig oder nicht gehalten habe. Es geht um das Gefühl für die Jahrhunderte alte Kultur und das damit verbundene Fluidum, das diesen Weg umgibt und so besonders macht. 

Gedankliche Vorbereitung kann vieles zum Inhalt haben: die Wahl der Wegstrecke, die Zeit der Pilgertour, die Entscheidung, allein, zu zweit oder in einer kleinen oder größeren Gruppe zu gehen, die Wahl der Ausrüstung, die Entscheidung, sich physisch durch Training vorzubereiten oder nicht und so weiter und so fort ... Diese Aufzählung, die um viele weitere Punkte ergänzt werden könnte, lässt schon Folgendes erahnen: Der spontane Pilger spart natürlich Zeit und Mühe, die solch eine ausführliche gedankliche Vorbereitung in der Konsequenz des Handelns mit sich bringt – doch die eingesparten Gedanken türmen sich schnell auf dem Weg als unüberwindliche Hindernisse und können so zum Scheitern des ganzen Unternehmens führen.

Mein Rat wäre also der folgende: Die physische und logistische Vorbereitung einer solch langen Pilgertour sollte man weder unterschätzen noch pingelig übertreiben. Doch da muss ich unbedingt der Ehrlichkeit halber auf eine Tatsache hinweisen: Ich ging den Weg als ein nicht gläubiger Mensch, der keiner Religionsgemeinschaft angehört. Das erlaubte mir vielleicht, manche Dinge freier und unbedarfter zu sehen und zu erleben. Es bedeutete andererseits jedoch auch, dass ich wenig oder so gut wie nichts darüber wusste, wie ein gläubiger Pilger sich auf einen solchen Weg mental vorzubereiten hat. Das wirft generell die Frage auf, ob es überhaupt einen Sinn macht, wenn nichtgläubige Menschen unbedingt diesen uralten, religiösen Pilgerweg gehen wollen? Die Kirche, so scheint es, hat offenkundig nichts dagegen. Der Hype auf den Pilgerweg vor allem seit HaPe Kerkelings Erfolgsroman „Ich bin dann mal weg!“ wird durchaus wohlwollend begleitet. Warum auch nicht? Vielleicht setzt man ja auf den missionarischen Charakter eines solchen Weges. Auf dem Jakobsweg jedenfalls begegnen sich die beiden großen Gruppen der Gläubigen und der Nichtgläubigen inzwischen etwa zu gleicher Zahl. Das setzt voraus, dass man sich in Toleranz von beiden Seiten üben muss. Die Einen geben ihren innerlichen Alleinvertretungsanspruch auf und akzeptieren die Gegenwart von Menschen, die nicht so denken und glauben wie sie – die Anderen benehmen sich wie Gäste und beachten die Regeln des Gastgebers. Denn Suchende sind sie doch alle. Erstere suchen den Weg zu Gott, Letztere den Weg zu sich selbst. Was jeder am Ende des Weges findet, dürfte überraschenderweise so unterschiedlich nicht sein ...

Peter Schumann

Ein Wegzeichen in Form einer Stele am Pilgerweg mit dramatischem Himmel

Bild oben: Morgenstimmung hinter dem Ort Hornillos, Bild unten: So erlebte ich den Tagesanbruch auf dem Pilgerweg kurz hinter Castrojeriz (Fotos vom Autor)

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