Leseproben

Unvergeßlicher Abend in Berciano del Real Camino

Als wir schließlich müde in Berciano ankommen, ist vom Froschteich nichts zu sehen. Vor uns taucht lediglich ein rötlich-braunes und wahrscheinlich sehr altes Gebäude auf. Vom äußeren Anblick her gleicht es nicht gerade einem Schmuckstück. Daran ändert leider auch die uns bekannte Lehmbauweise nichts. Zwei nette, ältere deutsche Damen begrüßen uns überschwänglich freundlich. Sie laden uns ein, erst mal einen Saft oder Eistee zu trinken und zu verschnaufen von den Mühen des Weges. Erst danach nehmen sie mit betonter Ruhe die üblichen Personalien auf und zeigen uns die Betten.

Ich bekomme ein Einzelbett direkt neben dem Fenster mit richtig viel Platz drum herum. Die jüngeren Pilger müssen zuerst den Raum nebenan mit den Doppelbetten füllen. Das ist damit die erste Herberge auf dem Weg, die darauf achtet, dass die etwas Älteren auch bequemer zu ihrem Schlaf kommen.

Die Herberge füllt sich rasch, vielleicht auch, weil man hier nur eine kleine Spende für die Übernachtung zu geben braucht – falls man das möchte. Ein Spruch an der Wand fordert den Pilger sehr zurückhaltend dazu auf. Darüber hinaus bedankt man sich für die großherzige Gabe, sei sie auch noch so gering. Ein weiterer Satz dankt auch denen, die gar nichts geben können. Es genüge, gut zu reden von der Barmherzigkeit dieser Heimstatt. Und als ob das nicht schon großzügig genug wäre, steht dann im weiteren Text auch tatsächlich dieses noch:

„Gib, was du kannst,und nimm, was du brauchst.“

Hoffen wir mal, dass alle, die da nichts übrig haben, auch wirklich nichts entbehren können und dass immer etwas mehr hineingetan als herausgenommen wird und keiner den zweiten Teil des Satzes all zu wörtlich nimmt!

Trotz dieser geringen Einnahmen, die da zu erwarten sind, soll es gegen zwanzig Uhr Abendbrot für alle geben. Das ist absolut ungewöhnlich für eine Pilgerherberge. Ich helfe freiwillig beim Einkauf, als die netten Damen einen „jüngeren“ Herrn suchen, der beim Tragen helfen kann. Nun ja, jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Wir kaufen in dem nahe gelegenen Tante-Emma-Laden diez barras de pan, zehn Stangenbrote, und ein paar Kilo Bananen ein. Mehr als fünf Kilo Bananen schenkt die freundliche Verkäuferin obendrauf wegen fortgeschrittener Reife des Obstes und ganz sicher auch, weil es eine gute Tat für die Pilger ist.

Als wir zurückkommen, ist auch Carlos eingetroffen. Carlos ist Italiener, trägt lange, grauweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Er ist ein Kräuterexperte, führt auch am Gürtel allerlei Beutelchen mit sich herum und sieht einem Sekten-Guru durchaus ähnlich. Ein freundlicher, älterer Herr, immer umgeben von jüngeren Frauen, was den Neid manchen Mitpilgers hervorruft.

Carlos jedenfalls hat heute Geburtstag. Er hat deshalb angekündigt, für die ganze Belegung zum Abendbrot Spaghetti italiano kochen zu wollen. Natürlich findet er jede Menge freiwillige Helfer. Selbstverständlich ist auch Dieter dabei, der gelernte Koch, mit dem ich heute den ganzen Weg gemeinsam gegangen bin. Ich helfe wenigstens beim Vorbereiten des Raumes.

Das Abendbrot in der Herberge von Berciano de real Camino wird zum schönsten Abend auf dem ganzen bisherigen Weg. Zwei lange Holztische sind festlich mit weißen Laken eingedeckt. Große Schüsseln, gefüllt mit gemischtem Salat, und ein paar Flaschen Rotwein stehen bereits auf  der Tafel. Reichlich Brot liegt bereit. Später kommen die köstlich mundenden Spaghetti italiano dazu. Erst gibt es reichlich Lob für die Köche und dann ein kleines Geburtstagsständchen für Carlos. Einige der Damen haben doch tatsächlich auch eine richtige kleine Geburtstagstorte mit Kerzen für Carlos besorgt. Carlos ist ziemlich gerührt, die Stimmung am Tisch großartig.

Für eine gute Weile sind all die fremden Menschen aus vielen Ländern der Erde ein Herz und eine Seele, gehören zusammen für diesen einen Abend. Sprache ist nicht so wichtig. Vier spanische Frauen stimmen ein lustiges Lied nach dem anderen an und amüsieren sich köstlich dabei. Alle anderen singen irgendwie mit.

Ich habe Glück. Mir genau gegenüber sitzt Charlotte, ein hübsches junges Mädchen aus Österreich, allerdings mit äußerst ehrgeizigen Wanderzielen: So viel Kilometer wie möglich müssen es jeden Tag sein, dreißig mindestens! Heute sehe ich sie zum ersten Male so gelöst, lachend und freundlich. Bisher kannte ich sie nur, wie all die anderen Pilgerfreunde auch, von hauptsächlich zwei  Eindrücken: eine Superfigur, wenn sie in hautengen Pantalons durch den Schlafsaal schritt zum einen und von respektlosen Bemerkungen gegen Schnarcher und andere Ruhestörer zum anderen. Etwas zickig eben!

„Schau dir die Kleine an,“ sagt Dieter verwundert und stößt mich an, „wie die aus sich herausgehen kann!“

„Ja“, sage ich zustimmend und zweifelnd zugleich, „hoffentlich geht sie morgen nicht gleich wieder in sich hinein und ist genauso arrogant und hochnäsig wie in den  Tagen zuvor.“

Die Charlotte von heute Abend jedoch ist einfach nur jung, attraktiv und lustig. So gefällt sie mir, und ich sage ihr das. Sie lacht glockenhell auf, freut sich über das Kompliment und stößt mit mir an. Ihre Augen funkeln im Schein der Kerzen, und immer, wenn wir uns künftig unterwegs zufällig begegnen, sind wir die besten Freunde. Viele Begegnungen sind es allerdings nicht mehr. Jetzt schont sie sich noch zwangsläufig wegen einer Zerrung im Oberschenkel. Sobald sie wieder richtig fit ist, läuft sie einfach viel zu schnell und viel zu weit ...

Gegen zweiundzwanzig Uhr bitten die netten Herbergs-Damen zum Abendgebet und zur Pilgersegnung in die kleine Kapelle des Hauses, die den Froschteich inzwischen ersetzt hat. Die eine der beiden, mit der ich gemeinsam im Ort einkaufen war, versucht mich zu überreden. Ich solle doch einfach mitkommen, auch wenn ich nicht religiös sei: „Sie müssen ja nicht beten, setzen Sie sich doch mit zu uns.“ Ich kann nicht Nein sagen.

Es wird so etwas wie ein besinnlicher Liederabend. Ein junger Mann aus Finnland spielt wunderschön auf seiner Gitarre und singt ganz normale Lieder auf Englisch. Beim Beten höre ich nur zu. Es gibt noch zwei, drei weitere Pilger im Raum, die es genauso halten wie ich. Es entwickelt sich ein besinnlicher Ausklang für einen unvergesslichen Abend ...

 

Denke einen guten Gedanken

 
Der Pfarrer hat nicht viel Zeit. Nur ein kurzes Gespräch über das Woher und Wohin wie üblich. Auch nach meinem Beruf fragt er und nach den Gründen, warum ich diesen Weg gehen will. Als er hört, dass ich Journalist bin, öffnet er ein weiteres Zimmer im unteren Bereich. Es beherbergt eine kleine Bibliothek.
 
„Setz dich hier hinein, wenn du Ruhe brauchst und etwas aufschreiben willst“, sagt er, bevor er geht. Er wirkt tatkräftig, still und zurückhaltend zugleich. Und doch merke ich an der Art, wie er sich bewegt und was er zu mir sagt, dass er gern hilft und dass diese Hilfe aus seinem Innersten kommt.
 
Wenn ein geschützter Raum das Wort refugio je verdient hätte, dann wäre es diese kleine Bibliothek hier für mich. Mächtige Folianten stehen in langen Holzregalen ringsum an den Wänden. Alles ist in dunklen Farben gehalten, braun und schwarz. Es erscheint trotzdem nicht düster, atmet Ruhe und Größe, obwohl das Zimmer doch so klein ist. Über Jahrhunderte altes Wissen ist in einem winzigen Raum versammelt. Das wirkt in keiner Weise fremd oder gar bedrohlich, obgleich ich mir gut vorstellen könnte, dass hier noch Bücher lagern, in denen es um Inquisition und  Hexenverbrennung geht.
 
Ich setze mich an den Tisch in der Mitte des Zimmers und empfinde die Bücherwände wie einen Schutz, der mich undurchdringlich umgibt. Mir kommt die Geschichte von Peter Pan in den Sinn: Denke einen guten Gedanken, und du kannst fliegen! In diesem Raum, glaube ich, kann man nur gute Gedanken haben. Sie fliegen durch das geöffnete Fenster in die Nacht, durch die nun dunklen Gassen von Agoncillo hin zur mächtigen Wasserburg. Dort liegt noch immer in einem tiefen, tiefen Brunnen ein goldener Ring als Zeichen der unbesiegbaren Liebe eines Mädchens. Es kann kaum schöner gewesen sein als meine junge Begleiterin vom Nachmittag ...
 
Es ist einer jener Momente, die man allzu gerne festhalten möchte. Leider gelingt das nicht in diesen kurzen, unwiederbringlichen Augenblicken. Es bleibt ein Gefühl des Bedauerns zurück, weil es nicht ewig andauern kann. Trotzdem ist dir sofort bewusst, Großartiges erlebt zu haben. Teilbar ist es wohl kaum, denn Worte können es nur unvollkommen beschreiben.
Ich nehme mein Tagebuch, lege es auf den Tisch und trage wenigstens die Geschehnisse der vergangenen zwei Tage ein. Dann schaue ich mich noch einmal um, verlasse den Raum zögernd. Ich muss mich jetzt, ob ich will oder nicht, um profanere Dinge, zum Beispiel um meinen körperlichen Zustand, kümmern. Der nächste Tag braucht noch ein wenig Vorbereitung.
 
Das wirkliche Leben holt einen rasch wieder ein!
 

Kein Tag wie jeder andere

Ich verlasse die riesige, doch trotz der Größe durchaus angenehme Herbergsanlage am Monte do Gozo durch den oberen kleinen Ausgang. Ich will zum Abschied noch am Denkmal und an der kleinen Kapelle vorübergehen, allein. Auf diesem letzten Teil des Weges möchte ich mit niemandem reden müssen, will jetzt ungestört in meiner Gedankenwelt bleiben. Nach diesem endlos scheinenden Weg könnte ich es einfach nicht ertragen, dass er sich schließlich in Belanglosigkeiten und Banalitäten verliert. Dazu habe ich mir die Mühe doch nicht gemacht! Sobald ich an der Kapelle San Marcos vorbei den sanften Hang hinabgelaufen bin, befinde ich mich praktisch schon in den Vororten von Santiago.

Auch heute ist nichts so wie sonst an all den anderen Tagen. Ich nähere mich diesem heißersehnten Ziel nach mehr als eintausend und achtzig Kilometern Pilgerschaft. Ich trage jetzt ein komisches Gefühl mit mir herum, das ich nicht so recht benennen kann. Ist es Beklemmung, die ganz oben im Halse pocht? Ist es Freude, die in ihrer Intensität den Hals zuschnürt? Sind es Genugtuung oder Trauer, weil das Ende dieses Abenteuers unausweichlich naht? Von all dem wahrscheinlich ein wenig. Wie oft haben wir ehrfürchtig den Namen dieser Stadt genannt in den Gesprächen mit anderen Pilgern an jenen besinnlichen Abenden in den Herbergen. Wie oft stellten wir uns die zweifelnde Frage, ob die Kräfte schließlich noch reichen würden bis zu diesem magischen Ort: Santiago de Compostela, Santiago vom Sternenfeld!

Natürlich sieht ein ganz normaler Reisender, ein Tourist, ein ganz gewöhnlicher Besucher die Stadt anders als ein Pilger nach diesem kräftezehrenden, alles abverlangendem Weg. Die Augen suchen nach dem Besonderen und finden es. Zeichen und Spuren überall, sichtbar jedoch nicht für jeden! Nur der Pilger versteht und deutet sie für sich; das glaubt er jedenfalls, befangen in der suggestiven Magie des Augenblicks. Die Wirklichkeit – was ist das schon? Auch ein Heide, ein Materialist, kann doch mit der Kraft seiner Gedanken vom Boden abheben und fliegen, wohin immer er möchte! Das ist es doch, was aus dem täglichen, eintönigen, gewöhnlichen Leben ein aufregendes Abenteuer machen kann. Nicht immer und zu jeder Zeit. Wer könnte das schon aushalten? Aber immer, wenn du es willst!

Der triumphale Einmarsch in diese heilige, geheimnisvolle Stadt kann nicht einfach nur ein bloßes Hineinspazieren sein! Alle Leute schauen doch auf dich, den Pilger, der von weither nach Santiago kommt! Sie sehen die tiefen Spuren der Strapazen des Weges in deinem Gesicht. Sie schauen dich mitleidig an und sind voller Bewunderung für die Standhaftigkeit, deine Leidensfähigkeit und dein Durchhaltevermögen.
 
Die Wirklichkeit sieht leider anders aus als deine hehren Träume: Du bist nur einer unter Hunderten, die jeden Tag die Stadt erreichen. Die Einwohner sehen solche wie dich tagein, tagaus. Du bist nichts Besonderes für sie. Ein Pilger halt, ein zahlender Kunde mehr für die unzähligen Bars und Restaurants, eventuell ein Gast für die Hostals und Hotels oder andere private Vermieter und Verdiener. Da trifft es sich gut, wenn die größte Pilgerherberge der Stadt gerade renoviert wird. Das ist gut fürs Geschäft! Für dich natürlich nicht! Ein Kunde mehr für die vielen Läden mit allerlei Kunst und Kitsch, vieles davon natürlich religiös gefärbt – ein moderner, freiwilliger Ablasshandel unter dem alten Motto „Zahlen statt Qualen!“. Als Gläubiger weißt du ja: Je mehr Sünden von dir genommen sind, weil du sie verkauft hast, um so kürzer wird die Zeit sein, die du im Fegefeuer unter qualvollen Leiden zubringen musst. Ach: Das ist schon wieder so eine unglaubliche Geschichte ...

 

(aus "Ein Heide auf dem Jakobsweg", Erzählung von Peter Schumann)
Für eine Bestellung klick hier!

Nach oben