Über das liebe Wasser am Pilgerweg

Ganz ohne Wasser, merkt euch das ...

Eines habe ich in Spanien ganz schnell gelernt: Das Wasser hat hierzulande eine andere Bedeutung als zum Beispiel in Deutschland. Damit meine ich nicht einmal die Art und Weise, mit Wasser umzugehen. Die ist hier wie dort mal vorbildlich, total normal oder auch verschwenderisch.

Über die traditionellen Methoden, mit Wasser umzugehen – in der Landwirtschaft vor allem – möchte ich mich nicht naseweis äußern. Das soll Experten überlassen bleiben. Zu schnell gerät man sonst in die unbeliebte Rolle des ausländischen Besserwissers. Also bleibe ich lieber bei Erfahrungen, die ich am eigenen Leibe erspüren durfte. Es soll auch gar nicht das große, auch in Spanien streitbeladene Thema „Wasser“ im Allgemeinen sein. Das führte doch zu weit. Ich bleibe lieber beim Pilgern auf den spanischen Jakobswegen und plaudere ein wenig über meine Erlebnisse bezüglich des kostbaren Nass.

Selten nur sind die Stauseen gut gefüllt

Ich begann meinen Pilgerweg von der Tür meines Hauses aus an der spanischen Mittelmeerküste. Die nennt sich hier Costa Azahar, Küste der Orangenblüten. An Wasser besteht eigentlich kein Mangel. Der Ort, in dem ich wohne, verfügt über viele unterirdische Süßwasserquellen und nur wenige hundert Meter von der Meereslinie entfernt verläuft parallel ein Süßwasser-Sumpfgebiet mit Schilf, einem beachtlichen Flies, der erst in einen größeren Teich im Stadtpark mündet, bevor er dann im Südzipfel des Südstrandes ins Meer verschwindet.

 

Einige Kilometer jedoch in Richtung Tarragona, nahe am Örtchen Senia, liegt ein relativ großer Stausee. An ihm kann man die Probleme, die das landwirtschaftlich geprägte Küstengebiet hat, schon eher festmachen. So manche romantische Fahrt dorthin durch steile Felsklüfte und enge Tunnel barg am Ende eine nachdenklich machende Überraschung: Selten war der See gut gefüllt; viel öfter konnte man das überflutete Dorf noch sehen, das am Boden des einstigen Tales lag. Dabei ist Wasser  überlebenswichtig für diese Region.

Der Stausee von Ulldecona beinahe leer

Der Stausee von Ulldecona im Sommer 2012. Nur noch eine Restpfütze - Straße mit Brücke und die Reste der Ansiedlung, die eigentlich überflutet sein müßten, sind wieder zu sehen.

In den Bergdörfern wird das Wasser sehr geschätzt

Mein Weg jedoch führte von der Küste weg ins Hinterland. Das besteht hauptsächlich aus Bergen, so weit das Auge reicht oder die Füße tragen. Es liegt also in der Natur der Sache, dass ich es ausschließlich mit Bergdörfern zu tun bekam, wenn ich Proviant für mein Unterfangen benötigte. Die Bergdörfer sind in dieser Hinsicht vorbildlich. Mir ist kein Dorf erinnerlich, wo ich keine Quelle zum Auffüllen meiner Wasserflaschen gefunden hätte. Da war schon eher ich selbst das Problem mit meiner mangelnden Pilgererfahrung in Spanien. Das Missgeschick passierte mir schon auf meiner zweiten Tagestour. Ich unterschätzte den Wasserbedarf, scheute einen kleinen Umweg und erhielt prompt die Quittung. Es folgte eine verdammte Quälerei durch die brütend-heiße spanische Sonne. Ausgetrocknet und fix und fertig schleppte ich mich in die erstbeste Bar im Ort Salzadella. Der besorgte Wirt hielt mir einen schönen Vortrag über die Notwendigkeit von Wasser im Allgemeinen und beim Wandern im Besonderen. Von da an hatte ich meine Lektion gelernt.

In den Bergdörfern wissen die Menschen das Wasser zu schätzen. Nicht ein einziges Mal entdeckte ich eine nicht intakte oder unsaubere Quelle. Man muss dazu wissen, dass es sich in den Bergen durchaus nicht etwa um natürliche Quellen handelt. Die sind hier selten wie Gold. Es sind Fuentes municipal, städtische Quellen, gespeist aus der Wasserversorgung des Ortes. Als ich dann aus den Bergen in die Flussebene des Ebros kam, war alles anders. In einigen Orten muss der Wanderer lange nach Wasserquellen suchen, in anderen, wo es sie gab, waren sie kaputt, beschädigt, verunreinigt. Ich weiß nicht, ob das damit zusammenhängt, dass der Ebro Wasser genug hat, aber Trinkqualität ist es ja auf keinen Fall – im Gegenteil. Auf diesen Abschnitten meiner Pilgertour – das waren etwa 440 Kilometer – habe ich das Wasser erneut schätzen gelernt. Ich brauchte es ja oft nicht nur zum Trinken, sondern auch für eine einigermaßen erfrischende Morgentoilette, wenn ich gezwungen war, in meinem kleinen Zelt zu übernachten.

schmaler Weg im Wald mit einem Rinnsal daneben Eine Furt aus großen Steinen im grünen Walde Ein Brunnen aus Stein in Castilldelgado

Ein kleines Rinnsal neben dem Weg, eine Furt aus großen Steinplatten oder der obligatorische Brunnen mitten im Dorf (hier in Castildelgado) - die Formen der Begegnung mit Wasser sind vielgestaltig.

Dann erreichte ich Logroño und damit den allseits bekannten Jakobsweg, den man auch den französischen nennt. Nun gab es bezüglich Wasser keine ernsthaften Probleme mehr. Die Infrastruktur des Jahrhunderte alten Pilgerweges lässt heutzutage nichts zu wünschen übrig. Natürlich war manchmal in den Herbergen kein heißes Wasser mehr vorrätig, wenn schon viele andere Pilger vor mir angekommen waren. Kalt Duschen macht munter, aber leider lockert es nicht so gut die schmerzenden Muskeln. Es gibt Schlimmeres. Man konnte ja auch warten und es später erneut probieren.

Es gibt keinen Grund für Panik

Da fällt mir noch eine Sache ein, die oft und gern berichtet und diskutiert wird. Pilgerforen vor allem geben manchmal Meldungen heraus, dass in gewissen Orten an dieser oder jener Quelle etwas mit dem Wasser nicht stimmen kann. Ein Pilger oder auch mehrere klagten nach dem Genuss von Wasser über Unregelmäßigkeiten bezüglich Magen und Darm. Das sollte man natürlich ernst nehmen. Grund zur Panik und zur Verteufelung aller öffentlichen Quellen gibt es hingegen nicht. Das spanische Wasser hat vergleichbare Qualitätsstandards wie in Deutschland. Auf Grund der anhaltend  hohen Temperaturen im Sommer ist der Anteil von Chlor im Wasser wohl etwas höher. Das schmeckt man leider manchmal auch. Nur wer empfindlich reagiert und damit Probleme hat, muss entsprechend vorsichtig sein und lieber auf gekauftes Wasser zurückgreifen. Es ist entsprechend preiswert.

ein Wehr quer durch einen Fluss in Villafranca Schild vor einem Supermarkt

Hier ein kleines Wehr in Villafranca del Bierzo. Wenn alles nichts hilft, bleibt der Gang zum Supermarkt - wie groß der auch immer sein mag. (alle Fotos vom Autor)

Ohnehin gibt es die Erscheinung, dass viele Mitteleuropäer, die zum Urlaubmachen in den Süden ziehen, nach einigen Tagen ein kleines Anpassungsproblem in Form von Abgeschlagenheit und Störungen im Magen-Darm-Trakt haben. Es ist nützlich, vor solchen Unternehmungen den Hausarzt zu konsultieren, der entsprechende Medikamente empfehlen kann. Im Ausland ist das alles wesentlich schwieriger. Das spanische Wort für Wasser lautet übrigens agua. Wenn also an den Quellen agua potable (Trinkwasser) steht, ist eigentlich alles in Ordnung.

Peter Schumann

 

 

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