Über Wegzeichen und Tradition

Am Ende schließt sich der Kreis

Was soll der Rummel um diesen Jakobsweg? Diese Frage stellen sich viele Menschen, die sich nicht vorstellen können, warum dieser Weg anders sein soll als andere Wanderwege. Auf den ersten Blick liegen sie ja damit auch gar nicht so falsch. Es gibt in Deutschland und auf der ganzen Welt bedeutende Wanderwege, die von unzähligen Menschen schon begangen worden sind. Und natürlich haben sich auch hier Traditionen und Legenden herausgebildet. Ist es also vielleicht nur der spirituelle Charakter, der den Jakobsweg so besonders macht?

Unzweifelhaft gehört der Jakobsweg zu den ältesten bekannten und überlieferten Pilgerwegen auf der Welt. Und „der Jakobsweg“ meint immer den berühmten Französischen Weg, beginnend an der französisch-spanischen Grenze in Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela, durch Nordspanien, über Pamplona, Logroño, Burgos und Leon. Alle anderen Wege sind demzufolge einfach nur „Jakobswege“. (***)

Zu den gebräuchlichsten Ritualen auf dem Weg gehört ein gewisser Steinkult. Der entstammt kurioserweise gar nicht christlichen Traditionen, sondern heidnischen Bräuchen. Sei es, wie es sei – die Pilger formen mit Steinen am Weg Pfeile, erschaffen kleine Steinpyramiden, die mit der Zeit und der vorübergehenden Zahl der Pilger wachsen, weil viele einen Stein dazutun.

kleine Steintürme am Rande des Weges  ein riesiger Berg aus Steinen, mitten darin ein Holzpfahl mit dem Eisenkreuz

Von Pilgern am Wegesrand augetürmte kleine Steinskulpturen und rechts das berühmte Cruz de Hierro

Kreuze stehen natürlich viele am Weg. Wenn sie frei in der Landschaft stehen, legen die Pilger auch hier, am Fuße eines solchen Kreuzes wieder Steine ab. Steine gibt es zum Glück genug in Spanien. Das wird noch für viele Pilgergenerationen reichen. Den Höhepunkt erreicht dieser Brauch am Weg, wenn der Jakobspilger das Cruz de Hierro erreicht. Es befindet sich zwischen zwei bemerkenswertern Orten: zum einen Foncebadon, das Geisterdorf, in dem kein Einwohner mehr ganzjährig lebt, und Manjarin, ebenfalls ein verlassenes und zerfallendes Dorf mit einer speziellen Pilgerherberge für ganz Hartgesottene. Am Kreuz selbst ist das Niederlegen eines Steines, den man bis hierher mitgetragen und mit Wünschen besprochen hat, fast ein Muss. Dem entsprechend hoch ist der Steinhaufen schon gewachsen. In ihm steckt ein riesiger glatter Baumpfahl, an dessen oberem Ende sich das Cruz de Hierro, das Eisenkreuz, befindet.

gerölliger Weg zu einer Anhöhe, auf der ein schmales Kreuz steht

Morgenstimmung hinter Hornillos mit Wegzeichen

Unterwegs an der Strecke und in vielen Etappenorten gibt es Pilgerdenkmale. Das bekannteste ist wohl der Pilger, der sich gegen den Wind stemmt. Kurz nach O Cebreiro, dem ersten galizischen Ort an der Strecke, erhebt es sich eindrucksvoll und mehr als überlebensgroß. Sogar Busse mit Touristen finden den Weg bis hierher. Das schönste Pilgerdenkmal für mich befindet sich in Leon – ein in sich gekehrter Pilger am Fuße eines Kreuzes, der sich bereits der Wanderschuhe entledigt hat und müde am Kreuz lehnt.

Eine Begegnung der besonderen Art, die zumeist still und nachdenklich macht, sind Grabstelen oder Grabsteine, die gelegentlich am Wegesrande stehen. Natürlich versucht man als Pilger, durch die Inschriften herauszufinden, wie und warum dieser Mensch gerade hier zu Tode kam.

Auch diverse künstlerische Ausdrucksformen neuerer Zeit findet man am Rande des Jakobsweges. Durchaus begabte Menschen haben hier und dort versucht, sich mit dem Charakter des Weges künstlerisch auseinander zu setzen. Das sind manchmal Plastiken, Montagen, Konstruktionen und ähnliches. Wie weit diese allerdings die Zeit überdauern werden, scheint mir doch sehr zweifelhaft.

moderne Skulpturen und Montagen eines Künstlers am Weg  Weg durch den Wald, der mit Steinplatten markiert und ausgelegt ist

Mehrere moderne Wegzeichen und Hinweisschilder an einer Kreuzung  das Papstdenkmal aus Beton und Kupfer, erinnert an Juan II. auf dem Monte Gozo

Im Uhrzeigersinn: Ungewolltes Kunstwerk der Natur?; Steinplatten markieren den Pilgerpfad; moderne Wegzeichen an einer Kreuzung; das Papstdenkmal auf dem Monte Gozo, dicht vor Santiago de Compostela

(alle Fotos stammen vom Autor der Website)

Letzteres gilt natürlich nicht für die vielen kleinen Kapellen, Kirchlein, Schreine usw. Das reicht ja am Ende auch bis zu den gewaltigen Kathedralen in den Provinzhauptstädten, den eindrucksvollen großen und kleineren Klöstern.

Bleibt ein Wort zum Schluss, das den Anfang wieder aufnimmt: Ich bin diesen Weg als Atheist gegangen. Also konnte keiner von mir erwarten, dass ich mich einem Gott öffne, an dessen Existenz ich nicht glaube. Aber ich habe mich bewusst diesem Weg geöffnet, seiner Jahrhunderte alten Existenz und Tradition. Und wenn man ihm so begegnet – offen und respektvoll – dann bekommt man eine Menge zurück, ob man (es) nun glaubt oder nicht ...

PS

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