Von den "süßen Brüsten" der heiligen Agueda

Über ein ungewöhnliches Dessert und seine abenteuerliche Geschichte

Kennt ihr das? Man hört flüchtig von einer Sache, der man keine größere Bedeutung zumisst. Hin und wieder erfährt man zufällig etwas mehr darüber; die Neugier erwacht. Die Sache setzt sich im Kopfe fest. Eines Tages will man den Dingen auf den Grund gehen, und siehe da: Es rankt sich plötzlich eine ganze Geschichte drum herum. So erging es mir mit den Brüsten der Heiligen Agueda. Doch beginnen wir von vorn.

Ich befand mich auf dem Pilgerweg von Castellon durch das Niedrige Aragon nach Santiago de Compostela. Eine schwere Etappe lag hinter mir, als ich endlich im Städtchen Alcañiz ankomme. Ich sehe nicht mehr viel von diesem Ort, denn es ist schon nach 23.00 Uhr und völlig dunkel. Ich bekomme mit Hilfe der ansässigen Gruppierung der Caritas ein Quartier im mächtigen Eckturm der Pfarrkirche. All die Umstände, die nichts mit der Geschichte zu tun haben, lasse ich einfach weg. Am nächsten Morgen packe ich meine Sachen, verlasse den Turm und laufe über eine Brücke, die den Guadalope überspannt, aus dem Städtchen hinaus. Kurz vor dem Stausee „La Estanca“ sehe ich am Wegesrand einen Bauern, der Gras mäht. Ich grüße wie immer bei solchen Begegnungen freundlich und frage, wie es so geht. Er lässt das Mähen sein, kommt zu mir auf den Weg, und schon haben wir ein nettes kleines Gespräch. Er fragt mich auch, wie es mir so ergangen ist in Alcañiz. Da konnte ich mich nicht beklagen, denn ein Nachtquartier - zumal völlig kostenlos – ist immer Gold wert für den Pilger. Er bot mir aus einem Beutel, den er mit sich trug, eine Orange an, und wir landeten irgendwie beim Thema Speis und Trank. Er grinst verschmitzt und fragt mich: „Hast Du denn auch die Brüste der Heiligen Agueda probiert?“ Er sagt das natürlich auf Spanisch „Las tetas de Santa Agueda“. Da hat er etwas angerichtet. Den ganzen folgenden Weg denke ich über die Brüste der Heiligen nach und warum diese ausgerechnet in einem Postre, also einer typischen spanischen Nachspeise, thematisiert werden. Der Weg fordert meine Aufmerksamkeit und lenkt mich ab von unheiligen Gedanken. Nach der nächsten Rast habe ich die Sache längst vergessen.

Hier am Stausee "La Estanca" kurz hinter Alcaniz treffe ich einen Bauern, der mir von einem ungewöhnlichen Dessert berichtet (Foto vom Autor)

Einige Tage später und einige Stationen weiter treffe ich endlich in der Provinzhauptstadt Zaragoza ein, einem Moloch mit immerhin fast 700.000 Einwohnern. Das Ziel aller Pilger in der großen Stadt ist die Basilika del Pilar, nicht weil das die größte Barockkirche Spaniens ist, sondern wegen der Heiligen, der Virgen de la Pilar, der Jungfrau auf der Säule.

Die Übernachtung in Zaragoza bereitet keinerlei Probleme. Mein Pilgerausweis berechtigt mich, auch in Jugendherbergen zu übernachten. Zaragoza verfügt über eine besonders große – genug Platz also auch für einen älteren Pilger. Ich bleibe einen Tag länger hier, um mir die Stadt ein wenig anschauen zu können. Auf meinem Rundgang besuche ich natürlich die Virgen de la Pilar und hole mir einen Stempel vom Pfarrer dieser wundervollen Basilika. Doch dann treffe ich noch auf eine andere Kirche und damit – ihr ahnt es vielleicht schon – erneut auf die Brüste der Heiligen Agueda.

Die Frauen übernehmen das Kommando

Die Kirche trägt den Namen „Nuestra Señora del Portillo“. Sie befindet sich ganz in der Nähe des sehenswerten Palastes Aljaferia. Diese barocke Kirche spielt eine zentrale Rolle bei einer traditionellen Fiesta zu Ehren der Heiligen Agueda, die nicht nur in Zaragoza, sondern in vielen weiteren Städten und Dörfern der Region gefeiert wird. Jedes Jahr übernehmen aus diesem Anlass am 5. Februar die verheirateten Frauen das Kommando und die Männer müssen sich in Zurückhaltung üben. Die Frauen treffen sich mit Freundinnen, gehen feiern, und der Ehemann bleibt zu Hause.

Im Ebrostädtchen Escatron beispielsweise findet eine feierliche Prozession statt. Vorneweg gehen die Musiker. Ihnen folgen die kleinen Mädchen, danach die alleinstehenden jungen Frauen und zum Schluss die verheirateten Frauen mit Blumensträußen. Diese werden später der heiligen Jungfrau Águeda geopfert.

In Zaragoza ist den ganzen Tag über die Kirche Nuestra Señora del Portillo für traditionelle Gottesdienste geöffnet. In ihr befinden sich Reliqien der Heiligen Agueda. Rund um die Kirche kann man an zahlreichen Ständen, an denen sich endlose Schlangen bilden, die „Tetas de Santa Agueda“ kaufen und verzehren. Es handelt sich um ein Gebäck in Brustform, gefüllt mit Sahne, Trüffeln und Creme, teilweise oder ganz mit Schokolade bestrichen und stilgerecht mit einer Kirsche verziert. Der Verzehr soll den Frauen Fruchtbarkeit, Erfolg und Glück bei der Geburt garantieren. Männer essen die Dinger natürlich genau so gern. Tausende Frauen pilgern an diesem besonderen Tag zu dieser Kirche, nehmen am Gottesdienst teil, spenden eine Kerze und kaufen sich die „Tetas“. Das schließt natürlich überhaupt nicht aus, dass sie sich am selben Abend in den nächtlichen Discotheken auch an extra für sie dargebotenen erotischen Programmen wie Männer-Striptease ganz ohne die eigenen Ehegatten begeistern und ergötzen.

Doch es wird nun Zeit für die ganze Geschichte, die dahinter steckt:

Das uralte Lied von Liebe, Zurückweisung und Rache

Ursprünglich kommt die Jungfrau Agueda aus Sizilien, und zwar aus dem Ort Catania. Sie wird wohl – darüber sagt man leider nichts – sehr schön gewesen sein, denn der dortige römische Stadthalter begehrte sie überaus heftig. Da Agueda Christin und darüber hinaus Gott geweiht war, wies sie sein Werben zurück. Das ärgerte Quintiatus so sehr, dass er die Jungfrau für einen ganzen Monat in ein Freudenhaus verschleppen ließ, um sie zu beugen. Doch Agueda änderte ihre Haltung nicht. Es war ja die Zeit der mittelalterlichen Inqusition, also setzte der Statthalter ihre Verurteilung durch, ließ das Mädchen foltern und ihr schließlich die Brüste abschneiden. Der Legende zufolge erschien nun Petrus in der Nacht in ihrem Kerker, der mit dem Auftragen von heilenden Salben ihr Leiden milderte. Als Quintiatus davon erfuhr, veranlasste er, Agueda auf glühenden Kohlen zu betten, worauf sie schließlich verstarb. Danach verwandelte sie sich in die Schutzheilige aller verheirateten Frauen. In dieser Funktion verehrte man sie später überall auf der Welt – auch und besonders in Spanien.

Agueda in einem Ausschnitt eines Gemäldes des spanischen Barockmalers Francisco de Zurberan (Foto gemeinfrei)

Die Heilige Agueda – auf Deutsch übrigens Agatha – ist darüber hinaus die Schutzheilige der Malteser, der Stadt Catania, der Armen und Hirtinnen, der Weber, der Glockengießer und der Goldschmiede. Wunder soll sie natürlich auch bewirkt haben. So berichtet die Legende, das ein Jahr nach ihrem Tode der gefürchtete Vulkan Ätna ausbrach, dessen Lavastrom auch die Einwohner ihrer Heimatstadt Catania bedrohte. Diese zogen mit dem Schleier der Heiligen Agueda dem glühenden Lavastrom entgegen und brachten ihn damit zum Stehen. Im Übrigen liegt die Heilige Agueda in der Kathedrale von Catania begraben.

So also kann sich ein Weg finden zwischen Wörtern und Begriffen bis hin zu Legenden und Geschichten. Wahr oder nicht wahr – darauf kommt es letztendlich doch nicht an. Lebendige Traditionen, die das Leben reicher und vielleicht sogar fröhlicher machen, gibt es in Spanien ebenso wie anderswo. Und so wird eben aus einer an sich todtraurigen Geschichte ein überaus schmackhaftes, symbolisches und lebensbejahendes Dessert ...

So also sieht eine Variante der spanischen Nachspeise "Las tetas de Santa Agueda" (die Brüste der heiligen Agueda) aus - wegen der Anschaulichkeit gleich im Doppelpack. Bei der Ausgestaltung des Gebäcks, besonders was die auf alle Fälle süße Füllung betrifft, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

PS

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